Hummelwiese
Marek Jensen       Dienstag,10.04.2018 | 11:28 Uhr

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Zwischen Rost und frischer Farbe

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Wahlmodul "Campusredaktion II" entstanden. Als Teil der Prüfung im Sommersemester 2017 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.

 
 

Zwischen Rost und frischer Farbe


"Da vorne geht's rein", sagt Igor und zeigt auf eine mannshohe Backsteinmauer. Auf dem Parkplatzabschnitt hinter der Aldi-Filiale in Russee herrscht zu diesem Zeitpunkt reger Betrieb. Einkaufswagen rattern über das Betonsteinpflaster. Autotüren knallen zu. Ein quengelndes Kind weigert sich, zu seiner Mutter ins Auto zu steigen. Ohne lange zu zögern wirft Igor seine Sporttasche über die Mauer. Beim Aufprall ertönt ein metallisches Klackern der darin befindlichen Sprühdosen. Kurz darauf verschwindet er im Dickicht hinter der Mauer und ist nicht mehr zu sehen.

Igor ist 23, hat eine schlanke Statur und streicht sich regelmäßig die mittellangen braunen Haare aus dem Gesicht. Er redet nicht viel, lächelt aber oft. Über seinem grauen T-Shirt ragt eine silberne Panzerkette hervor. Die weißen Sneaker und die kurze Jeanshose sind mit bunten Farbflecken übersät. Er trägt eine Gürteltasche um die Schulter. Sein Künstlername ist "DMR", was so viel wie „Der Maskierte Russe“ bedeutet. Er kommt ursprünglich aus Kasachstan. Beruflich versucht er gerade als Illustrator Fuß zu fassen. In seiner Freizeit sprüht er Graffiti.

Die andere Seite der Mauer ist vollständig mit Graffitis besprüht. Igor folgt einem dichtbewachsenen Trampelpfad, der hier anfängt. "Wir hätten auch hinten rum gehen können. Das Gelände ist eigentlich frei zugänglich. Aber seit neuestem steht da ein Bauzaun um die Anlage, der nur zu dieser Seite hin offen ist", erklärt er und schiebt einen tief hängenden Ast eines Ahornbaums zur Seite. Das Rascheln der Blätter übertönt die immer leiser werdenden Parkplatzgeräusche. Durch einen Tunnel aus Blattwerk gelangen wir auf eine Lichtung. Hinter einer Wand aus Bäumen und Büschen verstecken sich in der Ferne die Überreste eines ehemaligen Industriegebäudes. Der besagte Bauzaun umzingelt das Areal. Igor bahnt sich seinen Weg durch das hohe Gras und schlängelt sich am Bauzaun vorbei in das Gebäudeinnere.

Eine baufällige Halle

Hinter Bäumen, Büschen und einem Bauzaun versteckt sich die alte Müllverbrennungsanlage in Russee.

Wir finden uns in einer leeren Lagerhalle in der Größe eines Handballfeldes wieder. "Willkommen in der alten Müllverbrennungsanlage. Pass auf, wo du hintrittst", empfiehlt er mir, während er sich eine Zigarette dreht. Scherben und Schutt bedecken den staubigen Betonboden. Mit knirschenden Schritten gehen wir durch die Halle. Sonnenlicht dringt vereinzelt durch die Löcher im Welldach. Von den zahlreichen Fenstern ist kein einziges mehr ganz. Die Wände sind flächendeckend mit farbenfrohen Buchstaben und Figuren bemalt. Es riecht nach Rost und frischer Farbe. In der einen Ecke der Halle sitzen drei junge Männer auf einer alten Ledercouch und zeichnen. Vor ihnen steht ein runder Campingtisch neben einem schwarzen Kugelgrill. Auf dem Boden liegen die verkohlten Überreste eines Lagerfeuers. Davor stehen mehrere Farbeimer. Igor begrüßt die drei herzlich. Sie tauschen sich kurz über die Graffitis in der Halle aus. Dann setzt er seinen Weg in den hinteren Teil der Anlage fort. "Man kennt sich vom Malen", erzählt er später.

Die alte Müllverbrennungsanlage im Kieler Stadtteil Russee wurde in den 80er-Jahren geschlossen. Seitdem ist sie dem Zerfall durch Natur und Menschen ausgesetzt. Die Anlage setzt sich neben der Haupthalle aus mehreren Gebäudekomplexen zusammen und gilt als herrenloses Grundstück. Sie ist einer von vielen verlassenen Orten in Deutschland – ein sogenannter Lost Place. Über ihre Geschichte ist nur wenig bekannt. Müll wird hier schon lange nicht mehr verbrannt.

Die alte Müllverbrennungsanlage in Kiel Russee von Innen

In der ehemaligen Müllverbrennungsanlage stehen die Maschinen schon lange still.

Igor balanciert auf rostigen Metallsprossen an der Konsole der ehemaligen Schaltzentrale vorbei. Hebel und Regler sucht man hier vergebens. Von der Konsole, mit der damals die Maschinen bedient wurden, ist lediglich ein buntes Gestell mit Löchern übrig. Über ein paar Stufen gelangen wir an einem etwa sechs Meter hohen Boiler vorbei in einen Nebenraum. Dort empfängt uns ein grimmig blickender Clown, der an einer halb geöffneten Stahltür prangert. In der Mitte des Raumes steht einsam ein Einkaufswagen von Penny. Igors Blicke schweifen systematisch von Graffiti zu Graffiti. Er verschwindet durch die Stahltür in den Außenbereich.
Dort ist es schattig. Baumkronen von hochgewachsenen Birken ragen über die Dächer. An einem Teil der Außenfassade der Haupthalle bleibt er schließlich stehen und streicht über die raue Wandoberfläche. "Ich werd wohl die Wand machen heute", sagt er und stellt seine Sporttasche auf einem moosbewachsenen Betonklotz ab. Im Anschluss zieht er sich weiße Latexhandschuhe über. "Hier ist sowieso alles voll. Deswegen muss man andere Bilder übermalen. Hauptsache man malt nichts über, was man selbst nicht besser kann", erklärt er, während er mit einem Ast die fliederfarbene Wandfarbe aus einem Eimer aus seiner Tasche umrührt. "Das ist so ein ungeschriebenes Gesetz unter Sprayern. In Russee hält sich aber kaum einer daran. Hier gibt's viele Anfänger." Dann tunkt er die Farbrolle in den Eimer und beginnt die silbernen Buchstaben seines Vorgängers zu grundieren, bis davon nichts mehr zu sehen ist. "Das muss jetzt kurz trocknen, bevor ich anfangen kann."
Währenddessen nähert sich ein junges Pärchen von einer Wiese und wird von dem Bauzaun zum Stehen gebracht. Ratlos rüttelt die Frau im weißen Sommerkleid an den Streben des Zauns. "Wo kommt man denn hier rein?", fragt ihr Begleiter, der eine Kamera um seinen Hals trägt. "Ihr müsst dem Zaun der Halle entlang folgen. Da hinten ist er offen", antwortet Igor, als er gerade angestrengt seine Sprühdosen schüttelt. Im selben Moment ertönt von der anderen Seite der Wand ein sich wiederholender dumpfer Knall, gefolgt von einem Aufstöhnen.

Im Inneren hievt ein junger Mann mit gezielten Bewegungen und kontrollierter Atmung einen Traktorreifen, der ihm bis unter die Brust geht, von der einen Seite der Halle zur anderen. Staub wirbelt auf, als der Reifen hallend auf dem Boden aufschlägt. Beim Anheben des Reifens blitzen die Tätowierungen seiner definierten Oberarme unter dem eng anliegenden T-Shirt hervor, das den Aufdruck eines Gladiatorenhelms trägt. Auf dem jetzt hochroten Kopf trägt er eine schwarze Cap, den Schirm nach hinten gedreht. Seine blauen Laufschuhe sind wie seine Sicherheitshandschuhe von einer rostbraunen Staubschicht überzogen. Er trinkt einen Schluck aus seiner Wasserflasche und atmet kurz durch. Im Anschluss klettert er über das Geländer der Schaltzentrale. Mit lockeren Bewegungen hangelt er sich an den scharfkantigen Stahlträgern über dem ehemaligen Maschinenraum entlang, der mit Regenwasser vollgelaufen ist. Über einem Meer aus leeren Sprühdosen und brauner Brühe zieht er sich an seinen Armen immer wieder hoch und runter. Mit letzter Kraft und zusammengekniffenen Lippen zerrt er sich wieder hoch und verschnauft. Durch seine tiefblauen Augen blickt er auf ein gewaltiges Rohr, das den Raum unter ihm durchzieht. "In die Suppe da unten will ich nicht reinfallen", sagt er mit breitem Grinsen.

Ein sporttreibender inmitten von leeren/alten Spraydosen

Dre darf sich beim Training keine Fehler erlauben.

Er heißt André und ist 30 Jahre alt. Sein Spitzname ist Dre. Dre ist gelernter Pädagoge und arbeitet als Athletiktrainer. Seinen Sport bezeichnet er als modernes Turnen oder Calisthenics, was er mit Einflüssen aus dem Kunstturnen und Breakdance kombiniert. Er trainiert lieber draußen und nutzt die unterschiedlichen Begebenheiten seiner Umwelt als Trainingsobjekte. Der Kreativität sind dahingehend keine Grenzen gesetzt.

"Mittlerweile sehe ich eigentlich in jedem Objekt ein Fitnessgerät. Da bietet so ein Ort hier natürlich ganz, ganz viele Möglichkeiten durch die ganzen Stangen und Mauern, die du hier hast", sagt er und schaut zu der alten Schaltzentrale. "Ich habe hier früher immer meine Übungen abgefilmt, weil die Location und die Atmosphäre einfach geil sind für den Hintergrund meiner Videos. Alles was alt aussieht, das mag ich einfach. Und die ganzen Farben. Heute trainiere ich hier, weil ich an diesem Ort meine Ruhe habe. Ich kann hier rumspringen und rumklettern wie ich lustig bin." Sein Blick schweift kurz zu dem jungen Pärchen, das sich in der Halle vor einem knallbunten Graffiti fotografiert. "Du hast hier nicht diese ganzen aufgesetzten Leute wie im Fitnesscenter, die sich durchgehend im Spiegel angucken müssen. Hier gibt es keinen Spiegel. Das ist der dreckige Boden", erklärt er mit verschränkten Armen. Dann setzt er sein Training fort.

Im hinteren Teil der Müllverbrennungsanlage sprüht Igor seelenruhig sein Bild zu Ende. Ab und zu unterbricht er, um sich auf die Wade zu klatschen. "Die Mücken fressen mich regelrecht auf", murmelt er durch die Filter seiner Atemschutzmaske, die über seinen Kopf gespannt ist. Es liegt ein süßlicher Lackgeruch in der Luft. Hinter ihm liegen zahlreiche Sprühdosen verstreut auf dem mit Schutt bedeckten Erdboden. Mit schnellen, präzisen Bewegungen zieht er die schwarzen Umrisslinien seiner himmelblauen Buchstaben. Das Zischen seiner Sprühdose durchbricht die Stille. "Unter der Woche ist hier nicht so viel los", erzählt er und wechselt den Sprühaufsatz seiner Dose. "Hier kommen öfters Leute zum Fotografieren her. Sonst gibt's auch viele von diesen Geocacher-Leuten, die hier irgendwas mit GPS-Geräten suchen. Was genau, weiß ich aber auch nicht."

Ein Sprayer beim Fertigstellen seines Graffitis

DMR in Aktion.

Igor sammelt seine Dosen zusammen und räumt sie in die Sporttasche. Dann entfernt er sich einige Meter von der Wand neben die Überreste eines Maschendrahtzauns und begutachtet sein Werk. Zwischen zwei futuristischen Totenköpfen mit weinroten Augen steht in geschwungenen Buchstaben "DMR" gesprüht. Im grellen Hintergrund steigen Blasen wie in einer Lavalampe auf. "Ich bin fertig", gibt er wenig später von sich und zieht sich die Latexhandschuhe aus. Dann kramt er eine Spiegelreflexkamera aus der Tasche und fotografiert sein Graffiti aus verschiedenen Perspektiven. "Lass uns diesmal hinten rum gehen. Dann müssen wir nicht über die Mauer", sagt er und wirft sich die klackernde Sporttasche über die Schulter.

Wieder schlüpft Igor durch die Öffnung des Bauzauns. An einer Backsteinwand entlang der Absperrung steht in großen Druckbuchstaben der Schriftzug "We see things the way we are" geschrieben. Durch die Metallstreben vom Zaun wirft Igor einen letzten Blick auf sein Werk, das er heute erschaffen hat. Er streicht sich die Haare aus dem Gesicht und geht weiter. Auf der Anhöhe eines bewucherten Gebäudes liegt eine umgekippte Flasche Weißwein. Daneben steht ein leerer Plastikbecher. Wir verlassen das Gelände der alten Müllverbrennungsanlage über eine weitläufige Wiese und finden uns inmitten eines Wohngebiets wieder. Ein älterer Herr mäht gerade den Rasen seines Vorgartens. Im Sommer ist kaum zu erkennen, was sich hinter den Bäumen und Büschen verbirgt.



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