Wik, Kanal
Mario Ploog       Mittwoch,05.04.2017 | 9:21 Uhr

Wik, KanalInterview

Zu 70 Prozent tätowiert

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Modul Campusredaktion I entstanden. Als Teil der Prüfung im Wintersemester 2016/17 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.


DANIEL KRAUSE

ZU 70 PROZENT TÄTOWIERT



Daniel Krause ist durch seine Auftritte in Fernsehshows wie „Berlin Tag und Nacht“ und „Tattoo Around The World“ deutschlandweit bekannt geworden. Mittlerweile betreibt er mehrere Tattoostudios und ist auch als Moderator unterwegs. Im Interview spricht Mario Ploog für die Linie 11 mit Daniel Krause über die Tattooszene, das Fernsehen und wie es dazu kam, dass er selbst zu 70 Prozent tätowiert ist.

Hast du dich zuerst tätowieren lassen oder zuerst selber andere Menschen tätowiert?

Ich wurde natürlich erst tätowiert. Der Respekt davor war einige Jahre viel zu groß. Die Leute, die mich tätowiert haben, waren für mich so etwas wie Götter. Heute gibt es, glaube ich, ein ganz anderes Verständnis dafür. Wenn ich einen Termin für eine Tätowierung hatte, auf den ich ein halbes Jahr warten musste, war es egal, was kam, oder ob ich krank war. Ich habe Tage davor gezittert und es zelebriert mit jedem Stück Schmerz, das da drin gesteckt hat. Das war zu einer Zeit, in der Berlin nicht einmal 25 Tattooläden hatte. Mein erstes richtiges Maschinen-Tattoo habe ich, glaube ich, 1991 bekommen. Mein erstes Tattoo als solches habe ich noch im Osten, bevor die Mauer gefallen ist, bekommen. Das hat mir ein Punker mit angeschliffener Nadel gestochen. Da war ich auf einer Party im Keller und habe auf einem Schlitten gesessen.

Wie viele Tattoos hast du in den Jahren bis heute gesammelt?

Mittlerweile ist es so, dass ich zu 70 Prozent tätowiert bin. Ich hatte durch die Show „Tattoo Around The World“ auf Sat.1 die Möglichkeit, in vier Jahren 50 Länder zu bereisen und dort die jeweilige traditionelle Tattookunst kennenzulernen. Ich bin von Mönchen in Thailand tätowiert worden und von Japanern, die mich mit Klingen geritzt und nur Farbe reingekippt haben. In Indonesien und Borneo waren Typen, die mich mit Knochensplittern bearbeitet haben. Also alles Verrückte, was man sich vorstellen kann, habe ich irgendwann schon mal gemacht.

Ich habe gehört, auf deinem Bein lässt du dir immer Andenken von diesen Reisen tätowieren?

Genau, das ist das so genannte „Sammelbein“. Das ist auch kurios. Entstanden ist das durch einen Zufall, durch ein Autogramm, das mir Ruth Moschner tätowiert hat, als ich live bei „Verstehen Sie Spaß?“ war. Für mich sind Tattoos Lebensnarben. Auf meinem Bein sind auch ganz viele schlimme und hässliche Tattoos, die haben manchmal Leute gemacht, die gar nicht tätowieren konnten. Aber ich habe dann immer eine gute Zeit mit diesen Leuten gehabt. Zum Beispiel bin ich nach Machu Picchu gelaufen und der Führer, der mich da hoch gebracht hat, war so ein cooler Typ, dass ich ihm meine Maschine in die Hand gedrückt und gesagt habe, dass er mir ein Andenken tätowieren soll. Und wenn ich jetzt auf mein Bein herunterschaue, sehe ich ein ganz tolles Leben, an das ich viele Erinnerungen habe. Jedes kleine Tattoo, das auf meinem Bein ist, hat eine Geschichte und das sollte, glaube ich, auch im Groben der Sinn von Tätowierungen sein. Den haben wir heute, denke ich, teilweise verloren. Die Mädchen heute sehen Miley Cyrus und Rihannas Tattoos und wollen das auch so haben, die Jungs sehen die ganzen Fußballspieler in der Bundesliga, die alle aussehen wie Kopien von David Beckham, und wollen dann den ganzen Arm voll haben. Ich finde es schon irgendwie gut, aber ich glaube, dass die Hälfte der Menschen sich überhaupt keine Gedanken über den Sinn ihres Tattoos macht.

Ist das nicht gefährlich oder gar leichtsinnig, sich von Laien tätowieren zu lassen?

Es ist natürlich gefährlich, ich würde es sicher niemandem empfehlen. Es findet dann unter Anleitung statt. Das Gute bei mir ist, dass wir auch Leute ausbilden und ich deshalb weiß, was ich sagen muss, damit mich jemand nicht verletzt. Wenn man die Leute nicht direkt lostätowieren lässt, sondern erklärt, dass man mit der Maschine nur leicht kratzen muss, um die Intensität herauszufinden, die man aufwenden muss, dann kann in der Regel nichts passieren. Es sollten aber wirklich nur Leute mit einer gewissen Selbstverantwortung machen und nicht jeder jedem sagen, probiert doch einfach mal ein bisschen an mir herum, weil am Ende auch noch Hygienestandards dahinterstecken, damit man keine Krankheiten überträgt.

Nun bist du ja, wie du sagst, zu 70 Prozent tätowiert. Woher nimmst du die Motive oder die Inspiration für deine Tattoos?

Ich kann das gar nicht richtig erklären. Ich habe auch eine Phase durch, da war es gar nicht wichtig, was ich tätowiert bekam. Ich habe auch als Türsteher gearbeitet, da war es so etwas wie Kriegsbemalung. Alle hatten Tattoos und es galt einfach: Umso mehr, desto besser. Dann fand allerdings ein Umdenken statt bei mir. Ich gucke mir gar nicht Dinge ab, sondern fange an, mich für etwas zu interessieren. Ich bin Esoteriker, mag gerne Symbolik und Geschichten. Es gibt bestimmte Stilrichtungen, die mir gefallen, je nach meiner Lebensphase auch. Irgendwann schaut man an sich herunter und merkt: Scheiße, jetzt habe ich nur noch so ein bisschen Platz. Das ist so, als hätte man nur 100 Million Worte zu sprechen und jetzt sind nur noch 100.000 übrig. Da fängt man an, noch mehr zu überlegen. Ich bin jetzt Vater geworden, irgendwann sollen noch Portraits meiner Mutter und meiner Kinder dazu, sodass meine letzten freien Körperstellen quasi reserviert sind für Dinge, die unbedingt sein müssen. Es stellt sich für mich mittlerweile also gar nicht mehr die Frage, was noch schön wäre.

Wenn du an fast allen Stellen tätowiert bist, kannst du sicher verraten, wo es am schmerzhaftesten ist.

Kniekehle. Ganz schlimm. Die Rippen. Ganz schlimm. Ansonsten ging das alles eigentlich. Das muss aber nicht bei allen gleich sein. Es ist in der Regel so, dass jeder ein anderes Körperempfinden hat. Überall, wo man kitzlig oder sensibel ist, wenn man über seinen Körper streift, dort wird man am meisten Schmerzen haben.

Lass uns über den Beruf des Tätowierers sprechen. Findest du, es gibt Grenzen beim Tätowieren und lehnst du dann auch mal einen Tattoowunsch ab, wenn er dir zu verrückt ist?

Unbedingt. Ich denke, dass die Grenzen bei allen dauerhaft sichtbaren Stellen sein sollten. Ich lehne es ab, Hände, Hals und Gesichter zu tätowieren. Wenn jemand zu mir kommt, den ich lange kenne, dann mache ich auch mal solche Tattoos, aber in der Regel kommen jetzt 90 Prozent jüngere Leute. Die sind noch nicht so erfahren und verbinden ein schnelleres Konsumieren mit dem Thema Tätowieren. Das heißt, die denken nicht mehr so viel nach. Und ich glaube eben, wenn man nicht viel überlegt, kann man sich schnell einen Schaden damit zufügen. Unsere Gesellschaft ist immer noch so ausgelegt, dass Tattoos etwas Anrüchiges haben. Es hat sich sehr beruhigt, aber das Thema ist weiterhin präsent. Für die Leute, die Jobs, Wohnungen oder auch Budgets verteilen, sind Tätowierungen immer noch negativ besetzte Merkmale. Es ist nicht selten so, dass ein Geschäftsführer einer großen Firma Tattoos mit Kriminalität und Prostitution in Verbindung bringt. Deshalb denke ich, dass man sich mit Tätowierungen auf den Händen oder auf dem Hals Nachteile fürs Leben schaffen kann. Ich habe eine tätowierte Hand und gehe davon aus, dass es Menschen gibt, die mir bei einer Begrüßung nicht mehr die Hand geben wollen. Wenn man sein Gesicht tätowiert, zerstört man sein gesamtes soziales Umfeld.

Kannst du ein Beispiel dafür nennen?

Es kam mal ein Pärchen zu mir, das sich auf den Hals tätowieren lassen wollte. Die beiden wollten auch Kinder bekommen, deshalb habe ich ihnen vom Tattoo abgeraten. Wenn die beiden ihr Kind irgendwann einmal in die Kita bringen und die Erzieherin mag keine Tätowierungen, dann kann es passieren, dass sie die Eltern für Gangster oder Assis hält und das Kind unbewusst schlechter behandelt. Für mich ist das alles Denksport.

Du hast öfter Vorurteile gegen tätowierte Menschen erwähnt. Gibt es die tatsächlich immer noch und erlebst du entsprechende Situationen auch persönlich?

In meinem Fall geht es, weil ich natürlich durch das Fernsehen ein Medium gefunden habe, das mich positiv darstellt. Da ist das dann cool und alle wollen auch tätowiert sein. In den Zeiten davor war es aber so, dass ich gar nicht in eine Bank gehen brauchte, wenn ich einen Kredit für einen neuen Laden beantragen wollte. Dann musste ich mir von irgendeinem Gangsterkollegen etwas pumpen. Es ist schon so, dass man Ablehnung bekommt. Ich habe mir irgendwann einmal ganz im Klischee eine Rolex gekauft, nur um das Ganze abzuschwächen, um einfach zu beweisen, dass ich kein Asozialer bin, nur weil ich Tätowierungen habe. Das ist natürlich völliger Schwachsinn, aber daran siehst du, mit was für Mitteln man arbeitet, um dabei weiterzukommen. Ich kenne Kollegen, die eine Wohnung nicht bekommen haben, weil sie aufgrund ihrer Tattoos als Mietnomaden beschimpft wurden. Weil ich eben viele solcher Erfahrungswerte habe, versuche ich, das an die junge Generation weiterzugeben. Es hat sich viel verändert, aber es ist noch lange nicht alles gut.

Kannst du dir erklären, woran das liegt?

Ich habe versucht, das herauszufinden. Ich glaube, es ist einfach so, dass die Leute nicht darüber nachdenken wollen. Es ist ein langer Weg, klarzumachen, dass Tattoos Kunst und ein Streben nach Individualität sind. Ich war mal in einer Talkshow mit Managern von BMW und Siemens, die Tattoos in ihren Firmen nicht wollten. Ich habe versucht, denen zu erklären, dass sie daran nicht gut tun. Früher waren es vielleicht Gangster, aber heute sind es Leute mit starken Attributen. Wenn jemand weiß, dass er von solchen Managern keinen Job oder Studienplatz bekommt, es ihm aber egal ist und er sich trotzdem tätowieren lässt, weil er sich seine Individualität und Emotionen nicht verbieten lassen will, dann ist das für mich Charakterstärke. So jemand ist ein Kämpfer, hat Selbstbewusstsein und sogar ein Kunstverständnis. Es ist doch dumm, dass als Manager nicht für seine Firma zu nutzen. Nach den Talkshows kommen diese Manager dann zu mir und entschuldigen sich, weil sie nicht damit gerechnet haben, dass sie an jemandem stoßen, der so über das Thema redet. Man muss einfach mal zusammenkommen und sprechen.

Du hast selber sicherlich schon sehr viel tätowiert. Bist du noch angespannt oder nervös, wenn du deine Maschine in die Hand nimmst?

Schon. Ich war letztens auf einer Hochzeit und habe Eheringe tätowiert. Nun kam ich da an und musste feststellen, dass das eine Hochzeit von ganz schweren Millionären war. Das Tätowieren hat auf einer Bühne stattgefunden mit 400 Zuschauern und Kamerateams. Da war ich nicht drauf vorbereitet und dann ist man schon nervös. Aber auch sonst gibt es immer wieder Situationen, die besonders sind. Ich habe viele Kunden, die mit Tattoos gewisse Dinge verarbeiten. Zum Beispiel kam eine Frau zu mir, die den Tod ihres Kindes verarbeitet. Da ist man aufgeregt, weil man keinen Fehler machen möchte. Man will sehr sensibel an dieser Situation teilnehmen und versucht, alles richtig zu machen. In der normalen Situation im Studio ist es aber Alltag. Das ist auch gut, denn wenn man Automatismen entwickelt, macht man auch weniger Fehler. Also ich glaube, wenn man nach 20 Jahren diese Abgebrühtheit nicht hat, dann hat man irgendwas falsch gemacht.

Mittlerweile giltst du als Deutschlands bekanntester Tätowierer. Wie hat sich deine Leidenschaft für Tattoos überhaupt entwickelt?

Das ist ganz kurios. Ich wollte nie Tätowierer werden. Ich hatte damals einen Freund, der Tätowierer war. Mit dem habe ich dann einen Laden aufgemacht, aber irgendwann hat er viel zu viel gekifft. Das ist schon über 20 Jahre her. Ich musste irgendwie meine Investitionen schützen und so bin ich zum Tätowieren gekommen. Das ging dann ziemlich schnell ziemlich gut und irgendwann vor über zehn Jahren hat jemand ein Fernsehprojekt zu uns gebracht und danach ist meine Welt quasi explodiert. Das Fernsehen ist, glaube ich, ein Multiplikator, der deine Bekanntheit ungefähr verzehnfacht. Das war schon erstaunlich, aber halt auch nicht geplant.

Was hat sich durch deine Präsenz im Fernsehen genau verändert?

Ich habe zwei Jahre lang gar nicht gemerkt, was das Fernsehen eigentlich in die Breite getragen hat. Ich habe dann nur gemerkt, es kommt der zweite Laden dazu, es kommt der dritte, der vierte Laden dazu, mittlerweile sind es fünf und es gibt über 30 Leute, die für mich arbeiten. Ich glaube, das ist in der Tattoo-Branche nicht üblich, weil Tätowieren ja auch für Individualität steht. Deshalb versuche ich es jetzt auch gar nicht mehr wachsen zu lassen, weil das natürlich auch in andere Geschichten eingreift. Das ist mir aber eigentlich alles viel zu viel, denn ich möchte die Basis und den Kern von dem, was Tätowieren ist, gar nicht verlieren. Und das ist eben das individuelle Gespräch mit dem Kunden, das Anpassen an die Kunst, etwas zu schaffen, das für immer ist, in einer speziellen und intimen Situation mit einem Kunden. Das darf nie verloren gehen, aber geht mir für meinen Teil viel zu oft verloren, denn wir sind leider mit dem Tätowieren im Mainstream angekommen. Leider, weil Mainstream immer bedeutet: Viel, viel, viel und schnell, schnell, schnell. Dann kann es Individualität nicht mehr geben. Andererseits sorgt der Mainstream auch dafür, dass wir weiter davon leben können. Ich denke, wenn das Tätowieren etwas für eine kleine Randgruppe geblieben wäre, wäre es schon lange ausgestorben.

Was wird der nächste Trend der Szene?

Ich glaube, weiße Tattoos sind im Kommen. Die sind nicht so aufdringlich wie schwarze oder bunte Tattoos und verbleichen mit der Zeit. Trends ändern sich mittlerweile alle drei Monate. In der schnelllebigen Zeit heute wird diese Art von Tattoos sicher immer beliebter werden.

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