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Julia Königs       Montag,02.10.2017 | 17:41 Uhr

HauptbahnhofRezension

Wunder wirken Wunder. Wie Medizin und Magie uns heilen

Dieser Beitrag ist als freiwillige Leistung in der Lehrredaktion am Fachbereich Medien entstanden.

„Wunder wirken Wunder. Wie Medizin und Magie uns heilen“ von Dr. med. Eckart von Hirschhausen

Wer hat das Sagen im Krankenhaus? Hilft mir die Homöopathie? Und wie können die Patienten den Durchblick behalten? Eckart von Hirschhausen nimmt uns mit durch den Ärzte- und Gesundheitsdschungel, übt Kritik an bestehenden Systemen und fordert: Wer gesund sein will, der stellt Fragen, denkt nach und weiß, dass Wunder manchmal wirklich heilen.

URTEIL: Wer sich fragt, ob es nicht auch anders geht in der Medizin, der findet hier die Antworten auf seine Fragen. Ein gelungenes Buch, das für das längst überfällige Umdenken im Gesundheitssystem einsteht und uns dazu aufruft, zu mündigen Patienten zu werden.
NOTE: 1 - (mit Abzügen in der B-Note...)

von Julia Königs

Dr. med. Eckart von Hirschhausen hat uns über die Aufgaben der Leber aufgeklärt, mit uns das Glück gefunden und uns auf eine Reise durch die Welt der Liebe mitgenommen. Nun bringt uns der medizinische Hobbymagier, in Deutschland wohl als einer der geistreichsten Kabarettisten bekannt, in gewohnt anekdotenreicher Manier sein neuestes Werk in den Buchhandel. Der ehemalige Zauberkünstler und Arzt verbindet seine beiden Leidenschaften in einem wissenschaftlich fundierten Sachbuch, das auf den ersten Blick eher kurzweilig-unterhaltend daherkommt, jedoch erstaunliche Tiefe beweist.

Hirschhausen kritisiert das derzeitig erschreckend kalte Gesundheitssystem, die überbordende Alternativmedizin und fordert uns auf: Du bist Patient, emanzipiere dich! Können wir mehr Magie und Wissenschaft im selben Atemzug vertragen? Wo fängt Medizin an und wo hört Humbug eigentlich auf? Dass unser Gesundheitssystem immer mehr zum Wirtschaftssektor verkommt, Ärzte keine Zeit mehr haben und der Patient sich dem Diktat der Wirtschaftlichkeit unterwerfen muss, das sind keine neuen Erkenntnisse. Doch es braucht Stimmen, die diese Erkenntnisse mit Nachdruck vertreten. Hirschhausen fordert ein klares Umdenken, eine Rückkehr zur eigentlichen Aufgabe der Medizin: Heilen, nicht Gewinn machen.

Und Hirschhausen weiß, wovon er spricht: Kritik an der akademischen Medizin anzubringen, ist in Zeiten von überarbeitetem Pflegepersonal, Massenentlassungen und überteuerten Therapien ein brandaktuelles Thema. Wer das Sagen im Krankenhaus hat, das ist die offensichtliche Frage, die sich immer wieder aufdrängt. Das Herzstück des Buches: Die Forderung nach Integrativer Medizin, bei der die Informationen eines Patienten wieder bei einem Arzt zusammenlaufen, um für mehr Einfachheit und Klarheit zu sorgen; sowie der Patiententäuschung, ob beabsichtigt oder nicht, entgegenzuwirken.

Als ehemaliger Zauberkünstler belässt es Hirschhausen nicht dabei, die westlich-abgeklärte Medizin von der Kraft der Magie zu trennen – der Magie des Lachens, des unerschütterlichen Glaubens an die eigene Heilung mit positiven Gedanken, der gesunden Ernährung und der ausreichenden Bewegung. Das Potenzial des Humors, des Miteinander-Sprechens und des Mitgefühls. Für Hirschhausen sind dies die magischen Heilmittel, die uns fehlen; und nicht das weithin postulierte übersinnliche Hexenwerk vieler alternativen Mediziner. Weg von der „Globulisierung“ der Homöopathie will der Autor – und macht klar, dass mit ein wenig Lebensfreude und rationalem Denken meist mehr getan ist als mit dem Gang zum Arzt. Natürlich kann jeder tun und lassen, was er oder sie für richtig hält. Aber es fällt vielen Patienten schwer, Humbug von echter Heilung zu trennen.

Dies ist der aktuelle Diskurs, der in Zeiten von Detox, Fasten, Chia, Klangschalenmassage, Akkupressur und grünen Smoothies großen Anklang findet. (Pseudo-)Gesundheitsbewusste Leser mögen sich auf den Schlips getreten fühlen, denn Hirschhausen lässt keine der alternativen Heilmethoden unberührt. Er überprüft aktuelle Trends im Gesundheitswesen und in der Alternativmedizin, wie Achtsamkeit, Yoga und Homöopathie, auf Herz und Nieren. Besonders eingehend sind die Betrachtungen über Placebos und ihren sinnvollen Einsatz in der Medizin, den es nach Hirschhausen durchaus gibt. Der Patient muss sich nur bewusst machen, dass es diese Kraft auch gibt.

Das kleine Pinguin-Daumenkino am rechten Seitenrand muntert zwischendurch immer mal wieder auf, wenn man beim Lesen ins Stocken gerät, bedingt durch die verfremdeten Werbeanzeigen und zwischengeschobenen Anleitungen für Zaubertricks. Da wird Aspirin zum Placebo, das Herzmittel zum Globuli-Verschnitt, Anekdoten aus bekannten Shows des Autors werden wiederholt und man fragt sich: Sitze ich jetzt mit diesen Illustrationen fest, weil es nicht genug zu sagen gab? Gibt es keine Ideen für neue Geschichten?

Dabei hat Hirschhausen durchaus viel zu sagen. Ein Buch mit weniger Seiten, dafür mit mehr Struktur, hätte dieselbe Wirkung erzielt. Diese gestalterischen Mängel sprechen dem Buch seine Brisanz aber nicht ab. Es sind bedeutende Themen, die Hirschhausen uns mit Witz und Ironie nahebringt. Nach dem Ende der Lektüre sind es ernsthafte Überlegungen, die im Gedächtnis haften bleiben: Warum hinterfrage ich das Gesundheitssystem eigentlich nicht? Kann ich mir nicht auch selbst helfen?

In Wunder wirken Wunder. Wie Medizin und Magie uns heilen begibt sich der Leser auf eine Reise durch das Gesundheitssystem in Deutschland. Er entdeckt die Verbindung von Zauberkraft und Medizin. Zwei Themen, die nicht recht zusammenpassen wollen, aber bei genauerem Hinsehen doch einmal komplementär existierten. Mit Biss, allerlei magischen Anekdoten und lebensnotwendigem Humor hat Hirschhausen einen wichtigen Beitrag dazu geliefert, das Umdenken der Patienten voranzutreiben. Er appelliert an uns, für unser Recht als Patienten einzustehen: Ein Gesundheitssystem, in dem es um UNS geht.

Wunder wirken Wunder. Wie Medizin und Magie uns heilen
Dr. med. Eckart von Hirschhausen

Headerbild - Wunder wirken Wunder. Wie Medizin und Magie uns heilen
Rowohlt Verlag
396 Seiten, gebunden, EUR 19,95
ISBN 978-3-498-09187-3

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