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Maja Steinberg       Dienstag,20.03.2018 | 20:49 Uhr

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Wenn Fußball alles ist

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Wahlmodul "Campusredaktion II" entstanden. Als Teil der Prüfung im Sommersemester 2017 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.

 
 

Wenn Fußball alles ist



„Ein Ultra ist einer, der für den Verein lebt!“
„Kreativ muss er auch sein und loyal. Loyal seinem Verein und der Gruppe gegenüber.“
Mirco muss es wissen. Er ist nicht nur Fußball-Fan, er ist Ultra.
Holstein Kiel ist sein Leben.

Mirco ist 25. Er hat kurzes, lockiges Haar, trägt eine Jeans und ein graues T-Shirt mit dem Logo seiner Gruppe. Er wirkt sympathisch, lacht viel und erzählt ganz offen. Seinen Realschulabschluss hat er zweimal nicht geschafft. Nach der Schule kam lange Zeit nichts. „Ich hatte kein Bock auf gar nichts.“ Irgendwann machte es dann Klick. Inzwischen hat Mirco eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann an einer Tankstelle begonnen. Die Stelle hat er sich ganz bewusst ausgesucht. An der Tankstelle kann er sonntags arbeiten und bekommt Freitag und Samstag frei. Das ist wichtig, damit er bei jedem Spieltag dabei sein kann. Dreimal hat das bis jetzt nicht geklappt. Da hat er dann bei der Arbeit per Livestream das Spiel geschaut. Ein anderes Mal musste er am Spieltag noch bis 13 Uhr arbeiten. Um 14 Uhr war Anpfiff. Er hat sich dann ein Taxi genommen. „Ich habe an dem Tag nur für die Taxifahrt gearbeitet“, erzählt er grinsend, als er sich daran erinnert. In seiner Berufsschulklasse ist Mirco derjenige, der am wenigsten verdient, aber das nimmt er in Kauf. Der Verein ist wichtiger.

Zum Fußball gekommen ist Mirco 2005 durch Freunde. „Ich bin mitgefahren und eben geblieben.“ Seit 2008 ist er eines von 14 Mitgliedern der Supside Kiel. Die Gruppe ist gemischt. Unterschiedliches Alter, unterschiedliche Jobs, Studenten, Barkeeper, Erzieher, alles dabei. Eines haben sie aber gemeinsam: Holstein Kiel. Und die Bereitschaft, dafür zu investieren: Zeit, Geld und Herzblut. In die Supside kommt man nur, wenn jedes Mitglied zustimmt, und dann muss man sich erstmal beweisen. Wer nicht mithilft und regelmäßig zu den Spieltagen erscheint, der fliegt raus. Frauen sind momentan nicht dabei. Die letzte ist ausgetreten, weil ihr Beruf zu viel Zeit in Anspruch nahm. „Wir sind da offen, solange sie für Holstein Kiel da sind“, bestätigt Mirco.

Um den Verein zu unterstützen, bringt er einen Großteil seiner Freizeit auf. „24/7 denke ich an Holstein Kiel“, erzählt Mirco. Dabei geht es um Ideen für neue Lieder, Choreographien oder Themen für den Flyer, der zu jedem Heimspiel erscheint. An den Choreographien arbeiten sie oft tagelang. Sie bestehen aus farbigen Plakaten und Bildern, die auf Materialien wie Pappe oder Stoff aufgemalt oder aus ihnen ausgeschnitten werden. Beim Spiel werden diese dann alle gleichzeitig hochgehoben, sodass ein großes Gesamtbild entsteht. Zuerst wird die Idee für die Choreographien in Photoshop visualisiert, dann werden die Materialien besorgt und schließlich wird gebastelt. Einmal haben sie die ganze Nacht bis sechs Uhr morgens durchgearbeitet. Um neun Uhr ging es dann schon los zum Spiel. „Wir fangen immer zu spät an“, sagt Mirco und lacht. In den Choreographien steckt Leidenschaft, das merkt man, wenn er davon erzählt, oder Bilder von ihren Werken zeigt. Und Geld. Ungefähr 2.000 Euro hat die bisher teuerste Choreo gekostet. Geld, das durch Spenden, Mitgliedsbeiträge und durch den Verkauf von Fanartikeln am Stadion gesammelt wird. Die Fahrten zu den Spielen werden aus eigener Tasche bezahlt. „Arbeit mache ich nur, um Holstein Kiel finanzieren zu können.“

Warum er den ganzen Aufwand betreibt, kann er gar nicht so richtig erklären. Es bringt ihm Spaß und die Mannschaft freut sich darüber. „Die geben dann auch ihr Bestes für uns.“ Er glaubt, dass die Fans manchmal einen Beitrag zum Sieg der Mannschaft beitragen können. Nicht immer, aber manchmal. Bei der Rückrunde des Relegationsspiels in München 2014 war es so, erinnert er sich. Da lag 1860 München zurück. Und dann haben die gegnerischen Fans alles gegeben. So laut hat er es vorher noch nie im Stadion erlebt. Und dann gewinnt München doch noch in der 91. Minute mit 2:1. „Die Münchener Fans haben die Mannschaft zum Sieg getragen.“ Da ist er sich sicher. Dagegen kamen sie natürlich nicht an. 2.500 Kieler gegen 57.000 Münchener Fans.

Für die Auswärtsspiele mietet die Supside meistens einen Bus. Darin fahren zusätzlich zu der Gruppe auch Freunde und andere Fans mit. „Die Busfahrten sind Segen und Fluch“, sagt Mirco. Einerseits ist auf der Fahrt super Stimmung und Party. Andererseits beginnt die Busfahrt oft um ein oder zwei Uhr nachts, damit alle pünktlich zum Anpfiff im Stadion sind. Die Strecken sind weit, da geht es dann auch schon mal nach Regensburg oder München. Als Teil der Gruppe hat man eine Verpflichtung mitzufahren, egal wie weit. Durch den Aufstieg in die zweite Liga verspricht sich Mirco einen wachsenden Zulauf für die Supside. „Viele kommen durch den Erfolg, bleiben dann aber wegen der Gemeinschaft.“ Alle anderen fallen dann automatisch irgendwann wieder weg. Für Mirco ist es egal, in welcher Liga Holstein Kiel spielt. „Wir würden auch fahren, wenn wir in der fünften Liga spielen.“

Mehr als 300 Ultra-Gruppierungen mit über 25.000 Mitgliedern gibt es inzwischen in Deutschland. Häufig werden Ultras mit Hooligans gleichgesetzt, doch es gibt Unterschiede. Den Ultras geht es vordergründig um Fußball und die Unterstützung ihres Vereins. Die Hooligans nehmen den Fußball als Anlass für Gewalt gegen andere. Das kennt auch Mirco. „Es gibt immer noch zwei, drei Leute in der Gruppe, die manchmal mit den Hools losfahren. Früher war ich dabei. Jetzt möchte ich nichts mehr damit zu tun haben.“ Auseinandersetzungen gibt es trotzdem. „Wir würden uns niemals mit normalen Fans hauen“, beteuert Mirco. Gegen die Ultras der gegnerischen Vereine sieht das dann schon anders aus. Das Klauen von Fanschals und das gegenseitige Provozieren gehören scheinbar dazu. Auch Konflikte mit der Polizei kommen vor. „Diese gehen aber nicht immer von den Ultras aus“, erzählt Mirko. Auf der Zugfahrt zu einem Auswärtsspiel mussten sie sich in einem abgesperrten Waggon aufhalten, in dem „zufälligerweise“ die Toilette defekt war. „Das schaukelt sich dann hoch in so einer Situation.“ Einmal wurde Mirco verhaftet, weil er bei einer Schlägerei dabei war. Dafür gab es dann ein Jahr Stadionverbot. Das war schlimm. Zu den Spielen gefahren ist er trotzdem.

Auch Pyro-Technik ist ein Thema bei der Supside. Es werden alle Mittel genutzt, um die Mannschaft zu pushen. „Pyro gehört einfach dazu.“ Manchmal in Form von Rauch oder Bengalos, manchmal aber auch als Teil einer Choreo. Zu einem Spiel haben Mirco und seine Jungs ein riesiges Schiff in 3D-Optik gebaut, sogar mit Schornstein. Aus dem kam dann blauer Rauch. Da haben die Ordner auch ihre Erlaubnis gegeben. Wer sonst erwischt wird, muss mit Geldstrafen oder Stadionverbot rechnen. Mirco erzählt auch, dass es mit den Choreos auswärts manchmal Probleme gibt. Die Materialien müssen den geltenden Brandschutzregeln entsprechen und das ist mit ihrem Budget oft nicht so leicht umsetzbar. Dann kann es sein, dass sie die Choreo nicht zeigen dürfen. Zu Hause in Kiel ist das anders. Da drücken die Ordner auch mal ein Auge zu. Man kennt sich halt.

Richtige Freizeit hat Mirco nur in der Sommerpause oder wenn Länderspielwoche ist. „Nur wenn Holstein nicht spielt, habe ich Zeit für andere Sachen.“ Damit muss auch seine Familie leben. Fußball steht an erster Stelle. Die Familie kommt danach. Wenn Geburtstagsfeiern auf Spieltage fallen, dann kommt er nicht. Momentan hat er keine Freundin. Hätte er eine, müsste sie damit leben, dass sie bloß an zweiter Stelle steht. Der Verein geht vor. Wenn Mirco in den Urlaub fährt, dann macht er Groundhopping. Das bedeutet, Spiele in so vielen verschiedenen Stadien wie möglich zu sehen. Bisher hat er 128 Stadien in fünf Ländern besucht. Ansonsten guckt er sich auch gerne Spiele aus niedrigeren Ligen an. Wenn er könnte, würde er auch selber spielen. Aufgrund einer Erkrankung geht das aber nicht.

Nach seiner Ausbildung möchte Mirco Mediendesign machen. Damit hat er bei der Supside schon viel zu tun und es bringt ihm Spaß. Ob der Verein einmal nicht an erster Stelle stehen wird, das kann er so genau gar nicht sagen. „Man weiß ja nicht, was die Zukunft bringt. Momentan steht Holstein Kiel klar auf der Eins.“ Er ist sich jedoch sicher, dass er auch nach seiner Ausbildung einen Job wählen wird, der es zulässt, die Spieltage wahrzunehmen.

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