Pillauer Straße
Stephanie Degenhart, Christian Peters, Lisa Beyer       Mittwoch,01.06.2016 | 9:40 Uhr

Pillauer Straße

Vorhang auf…

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Modul Synergetische Publikationsmethoden entstanden. Als Teil der Prüfung im Wintersemester 2015/16 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.

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Marionetten

Vorhang auf …

… für Marionetten, Handpuppen
und Ketchup-Flaschen

In vielen Teilen der Welt hat das Figurentheater eine lange Tradition. Die Entstehung und die inhaltlichen Stoffe variieren je nach gesellschaftlichem Kontext. Puppenspieler erwecken ihre Charaktere auf der Bühne zum Leben – sie sagen durch ihre Figuren Dinge, die sonst tabu sind. Die Faszination hat sich über viele Jahrhunderte gehalten. Warum?


Auf Zeitreise...


Eine grob geschnitzte Hakennase aus Lindenholz ragt aus seinem Gesicht, darüber liegen die sichelförmigen Augen. Wach sind sie, und irgendwie herausfordernd. Die lange, rote Zipfelmütze reicht ihm bis zum Rücken – und auch das schelmische Grinsen, fast ein Zähnefletschen, hat sich der Kasper über Jahrzehnte bewahrt.

„Für die Entstehung des Europäischen Figurentheaters ist die Herkunft aus dem richtigen Schauspieltheater wichtig, vor allem dem italienischen Commedia dell’arte ab dem 16. Jahrhundert“, sagt Antonia Napp, künstlerische Leiterin des Theaterfiguren-Museums in Lübeck. Die Figur des italienischen Pulcinella war ein tölpelhafter – wenn auch schlauer und listiger – Diener bäuerlicher Herkunft. Er nahm neben der Hanswurst-Figur aus dem Wiener Volkstheater Einfluss auf die Entwicklung des deutschen Kaspers. Diese „Spaßmacher“-Charaktere gibt es in vielen Kulturen. Eins haben sie gemein: Sie alle stehen für den „kleinen Mann“ und dürfen sich über die Obrigkeit lustig machen.

Von sizilianischen Ritterfiguren über afrikanische Schnitzereien bis hin zu expressionistischen Marionetten mit grotesk verzerrten Gesichtern – etwa tausend Exponate füllen die Schaukästen des Theaterfiguren-Museums in Lübeck. Die asiatische Ausstellung in der obersten Etage zeigt Marionetten aus Myanmar und aus China, außerdem große Schattenfiguren aus Indien. Auf Lappen aus dünner Büffelhaut werden im 19. Jahrhundert ganze Szenen untergebracht. „Die Büffel werden dafür ihr Leben lang nicht geschlagen oder gezüchtigt, so bleibt die Haut unverletzt“, sagt Antonia Napp. Das Schattenspiel dominiert heute noch in weiten Teilen Asiens – aber auch andere Puppen werden gebaut.

Eine Vorliebe hat Antonia Napp für die japanischen Bunraku-Figuren (um 1900). Sie werden durch Stäbe von unten geführt – drei Spieler braucht es, um die bis zu anderthalb Meter großen Puppen zu bewegen. „Es wird offen gespielt, das heißt, Sie sehen die Spieler auf der Bühne und gleichzeitig entwickelt die Puppe ihre Magie“, erklärt Antonia Napp. Eine Form des Spiels, die sich für das moderne Figurentheater bis heute durchgesetzt hat.

Legenden berichten über die ursprüngliche Entstehung des Figurentheaters in Griechenland und in China noch zu Zeiten der Antike vor Christus. „Einige Forscher sagen sogar, das Puppentheater sei der Ursprung allen Theaters, auch des menschlichen Schauspiels“, sagt Antonia Napp. Das Schattenspiel kommt aus dem asiatischen Bereich und hat sich von dort aus in den Westen verbreitet. Das Figurentheater – Marionetten, Handpuppen, dreidimensionale Puppen – haben sich unabhängig voneinander auf mehreren Kontinenten entwickelt.

In der Umsetzung von Sagen und Mythen, im kultischen Bereich und in der Religion finden Forscher die Ursprünge des Figurentheaters. Antike Tragödien in Griechenland liefern erste inhaltliche Stoffe. In der europäischen Welt emanzipiert sich das Theater mit der Zeit – die Kasper-Figuren und Marionetten sind sehr frei in den Stoffen. In Afrika steht das Spiel mit den Figuren noch heute in Verbindung mit Ritualen und Religion. Im asiatischen Raum setzen sich traditionelle Stoff durch: Das japanische Figurenspiel ist ein streng literarisches, am Text orientiertes Theater. Das indische Theater hält sich an einen bestimmten Kanon aus den Epen Mahabharata und Ramayana.

In Europa entstehen schon im 17. Jahrhundert erste Marionettenspielerdynastien – die Figuren und Kenntnisse werden von Generation zu Generation weitergereicht. Die Figurenspieler waren dabei gesellschaftlich nicht immer gut angesehen: Wurden sie auf der einen Seite für ihre Fähigkeiten bewundert, waren sie auf der anderen Seite verachtet als rastloses Volk mit ihren Wanderbühnen. Die Puppenspieler unterhielten ihr Publikum auf Jahrmärkten und öffentlichen Plätzen, in Wirtshäusern oder auf Messen.

„Ganze Figurentheater-Gruppen wurden an die Front geschickt, um die Soldaten zu unterhalten.“

Dr. Antonia Napp zum Puppenspiel während der NS-Zeit

Derbe und karnevalesk war das Spiel mit der deutschen Kasper-Figur ursprünglich. Eine Reform erlebt der Kasper in den 1920er-Jahren dank Max Jacob, seinerzeit Leiter der Hohnsteiner Bühnen. Von dort an löste der Kasper seine Probleme nicht mehr mit der Bratpfanne und dem Prügel, sondern mit etwas Humor und als pädagogisches Vorbild.


Die Faszination


Im Bann des „kleinen Theaters“


Weihnachtsgeschichte im Lübecker Figurentheater
Wie war's?

„Man merkt, dass es wirklich selbst gemacht wurde.“

Das Licht dimmt sich langsam, im Theatersaal wird es leise. Noch sind die schwarz gekleideten Puppenspieler sichtbar. Sie streifen sich die Handpuppen über ihre Hände – auf die Bühne ist jetzt ein Scheinwerferlicht gerichtet. Das Theaterstück beginnt. Die Zuschauer können die Puppenspieler immer noch sehen. Und irgendwie auch nicht.

„Der Zuschauer richtet seine Konzentration auf die Handlung, er nimmt die Puppenspieler kaum noch wahr“, sagt Stephan Schlafke, Puppenspieler und künstlerischer Leiter des Figurentheaters Lübeck. Unbelebte Dinge scheinen auf der Bühne lebendig zu werden – darin liegt der Zauber des Puppentheaters. Schlafke selbst steht in Lübeck oft auf der Bühne – ihm ist das Puppenspiel in Fleisch und Blut übergegangen, sagt er. Wie Fahrradfahren. „Das Entscheidende ist: Wenn ich spiele, geht die ganze Konzentration in die Figur, in die Rolle. Da denke ich nicht drüber nach: Muss ich jetzt den Faden ziehen oder die Hand so krümmen?“

Klassische Tragödien, Kinderstücke, Komödien. Das Programm im Figurentheater Lübeck ist vielfältig. Das Haus liegt direkt neben dem Theaterfiguren-Museum, der kleine Saal fasst etwa hundert Zuschauer. Vor knapp zehn Jahren wurde das Theater zum Gastspielhaus.

Von Marionetten über Stabfiguren, von Handpuppen über Schattentheater zum Tischtheater – die Örtlichkeit steht allen Puppenspielern offen. Die Einnahmen gehen zu 70 Prozent an die Spieler, 30 Prozent fließen in den Unterhalt der Einrichtung. Das Konzept gehe auf – die Vorstellungen seien oft ausverkauft, sagt Schlafke. Aber warum zieht Figurentheater die Besucher noch an – zu Zeiten der Digitalisierung und des Animationsfilms?

Das Puppentheater ist „unperfekt“, sagt Stephan Schlafke. „Bei Animationsfilmen sind die Bewegungen heute so naturalistisch – das geht fast einen Schritt zu weit. Im Puppentheater ist immer etwas nicht ganz fertig. Der Zuschauer muss seine Fantasie einsetzen, um die Lücken zu füllen. Das macht den Reiz aus.“ Puppentheater kann außerdem selbst gemacht werden, von jedem.

„Es ist toll, wenn Du tote Materie zum Leben erwecken kannst.“

Stephan Schlafke
Leiter Figurentheater Lübeck

In vielen Kulturen nutzen Menschen Puppen, um in andere Rollen zu schlüpfen. Sie lassen die Puppen Dinge sagen, die gesellschaftlich tabu sind. Und sie nutzen das Puppentheater, um sich gegenseitig zu unterhalten. Und auch das Puppenspiel hat Einzug ins Fernsehen erhalten: Etwa durch den Hohnsteiner Kasper, die Augsburger Puppenkiste, die Muppets oder die Sesamstraße.

Wenn Stephan Schlafke spielt, ist er hochgradig konzentriert. Letzte Woche hat er den gestiefelten Kater gespielt. Und nicht nur den, sondern eine Handvoll weiterer Rollen im selben Stück. „Du musst genau wissen, welcher Charakter zu welcher Zeit dran ist und welche Stimme Du sprechen musst. Außerdem muss hinter der Bühne jeder Handgriff sitzen: Wenn Puppe A nach links raus geht, muss sie vielleicht an einer anderen Stelle wieder eingesetzt werden und muss dann auch dort liegen.“

Die meisten Puppenspieler lernen ihr Handwerk auf nicht-akademischen Wegen – in Berlin und Stuttgart werden aber auch Studiengänge angeboten. Der Spieler muss seinen gesamten Körper einsetzen, viele Puppenspieler durchlaufen deshalb parallel eine Schauspielausbildung. Fächer wie Gesang, Sprechen, Puppenspieltechnik, Pantomime, bildnerische Gestaltungslehre und Theatergeschichte stehen hier auf dem Stundenplan. Der Weg zum wirklich guten Spiel ist lang, weiß Stephan Schlafke. Weil vor allem Erfahrung eine große Rolle spielt. Interessant ist für viele Puppenspieler oft die Kombination aus darstellender und bildender Kunst. Das menschliche Schauspiel ist flüchtig, nur für den Moment. Die Puppe für sich aber ist ein Kunstwerk, bleibend. Einer, der solche Kunstwerke schafft und sie zu Charakteren formt, ist Peter Beyer, Marionettenbauer aus Kiel.

„Die Faszination liegt in der Vielfalt der Charaktere.“

Peter Beyer
Marionettenbauer

Für mehr Information die Maus über die Bilder führen.



In der Marionettenwerkstatt


Wenn Peter Beyer durch die Supermarktregale geht, sieht er Nasen. Er sieht Augen, Gesichter und er sieht Ohren. Peter Beyer baut Marionetten aus Verpackungen. „So viele Formen, so interessante Sachen, aus denen man etwas bauen kann – das ist fast unerschöpflich“, sagt Peter Beyer. Für seine Marionetten verwendet er „alles, was er so findet“: Da werden Kinderüberraschungs-Eier zu Augen, Actimel-Flaschen zu Nasen und Gießkannen zum Rumpf. „Deoroller sind super, da hat man gleich einen beweglichen Hals“, sagt Peter Beyer. Am liebsten aber benutze er Ketchup- oder Grillsaucen-Flaschen. Recycling mal anders.

Hände und die Füße – mit oder ohne Schuhe – baut Peter Beyer aus Holz. Eine Drechselbank, eine Kreissäge und mehrere Werkbänke hat er im Keller – Peter Beyer ist gelernter Tischler. Auf die fertig geschnitzten Holz-Hände kommen drei Schichten Holzleim, darauf „krümelt“ er eine Schicht Vogelsand, darüber streicht er Acrylfarbe. Für den echten Haut-Look.

„Ein fliegender Mensch ist nicht so einfach darzustellen wie eine fliegende Marionette.“

Peter Beyer
Marionettenbauer aus Kiel

Die Verpackungen, die später zu Kopf und zum Körper werden, bringt er mit Heißkleber zusammen. Auch die Kleidung für die Puppen näht Peter Beyer selbst: „Ich kann alles ausprobieren und jedes Material verwenden. Eigene Geschöpfe herzustellen, sie zum Leben zu erwecken und am Ende manchmal selbst überrascht zu sein, das macht irre viel Spaß.“

In seinem Einfamilienhaus in Kiel wohnt Peter Beyer zusammen mit seiner Familie – und etwa tausend Marionetten. Mit dem „Virus“ wurde er als Jugendlicher „infiziert“, als er sich eine Puppentheater-Vorstellung angesehen hat. Seitdem baut Peter Beyer, verwendet darauf mehr Zeit als auf seine „Brot-Jobs“. Über die Jahre sind seine Marionetten immer besser geworden, sein Stil individueller. „Wenn die Leute perfekte und schöne Gesichter wollen, sind die bei mir an der falschen Adresse“, sagt Peter Beyer, „ meine Marionetten haben Charakter.“ Die Gesichter sehen aus wie Karikaturen: Zu lange Nasen, schielende Augen, einen Buckel auf dem Rücken, schiefe Münder.

Im Keller sägt Peter Beyer Teile für die Spielkreuze zu, die Steuerungseinheit für Marionetten. Das Spielkreuz nach Bross ist ergonomisch gebaut – der Ingenieur und Puppenbauer Fritz Herbert Bross hat die Funktion von Marionetten in den 40er- und 50er-Jahren analysiert, seine Erkenntnisse sind bis heute richtungsweisend. Eine Marionette bekommt mindestens neun Fäden: Zwei für die Ohren, zwei für die Schultern, zwei für die Knie, zwei für die Hände und einen für den Rücken. In das Becken arbeitet Peter Beyer Blei ein, die Puppe hat jetzt einen Schwerpunkt in der Körpermitte und kann sich naturalistischer bewegen.

Normalerweise braucht Peter Beyer etwa zwei Wochen, um eine Marionette zu bauen. Seine Lieblingspuppe ist meist die, die er zuletzt gebaut hat. Die Charaktere entstehen beim Bauen, seine Inspiration sind Formen, die er im Alltag sieht, und seine Fantasie. Wenn Peter Beyer für Auftraggeber baut, arbeitet er nach Vorgabe. „Die Band Revolverheld brauchte fünf Marionetten für das Video zu „Lass uns gehen“, die habe ich gebaut. Die Figuren mussten den Bandmitgliedern ähnlich sehen, sie mussten die Münder bewegen können und brauchten Instrumente und eine Bühne“, erzählt Peter Beyer.

„Ich war eine Dose - und jetzt bin ich eine Marionette.“

So bastelt Peter Beyer Marionetten mit Kindern

Manchmal gibt Peter Beyer Workshops, für Erwachsene und für Kinder. Kinder ließen sich richtig verzaubern, sagt er. Stephan Schlafke aus Lübeck ist sich sicher: Das funktioniert auch bei Erwachsenen. Die Illusion macht den Reiz aus – außerdem der menschliche Urinstinkt, zu spielen. Das sagt Antonia Napp. Und es ist das alte Bedürfnis, Geschichten in Bildern ausdrücken zu wollen. Und das ganz ohne digitale Extras.


Stephanie Degenhart
Christian Peters
Lisa Beyer

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