Kieler Straße
Melina Kalwey       Samstag,24.03.2018 | 18:01 Uhr

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Über eine Meisterin des Alltags

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Wahlmodul "Campusredaktion II" entstanden. Als Teil der Prüfung im Sommersemester 2017 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.

 
 

Über eine Meisterin des Alltags


Mit sechs Jahren stehen die meisten Mädchen vor einer schwierigen Wahl – der Einschulungstüte. Rosa mit Pferdemotiven oder doch eher rot mit Blümchen darauf? Bei Ninja war sie blau mit Diddl-Mäusen. Hielte sie ihre Einschulungstüte heute in der Hand, würde sie nicht mal mehr erkennen, dass es ihre ist. Schon damals lag ihre Sehkraft nur noch bei etwa 10 Prozent.


Nur wenige Tage hat es gedauert, bis Ninja sich die wichtigsten Strecken in Kiel eingeprägt hat. Hier ist sie unterwegs mit ihrem Freund Jan. Immer dabei ist ihr Blindenstock.
Wie viele Blinde und sehbehinderte Menschen es in Deutschland gibt, ist unklar. Wie viele davon studieren, noch weniger. Die 22-jährige Ninja ist eine von ihnen. Hospiz- oder Schulsozialarbeiterin will sie werden, darum studiert sie bereits im vierten Semester Soziale Arbeit an der FH Kiel. Wenn sie dort nicht in einer Vorlesung sitzt, findet man sie zuhause mit ihrem Freund oder bei ihrem liebsten Hobby, dem Tanzen. Obwohl die Studentin an guten Tagen nur noch minimal merkt, wie sich die Lichtverhältnisse ändern, nimmt sie das Leben so, wie es ist. In ihrem Fall unvollkommen und doch irgendwie vollkommen.

Ein gruseliges Gefühl

Auf die Welt gekommen ist Ninja, wie sagt man so schön, normal. „Vermutlich war ich da noch vollsehend", erzählt die 22-Jährige und streicht sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Als sie mit vier Jahren die Ostereier im Garten suchen sollte, wurde ihre Mama stutzig. „So offensichtlich sie auch versteckt waren, ich bin einfach jedes Mal daran vorbei gelaufen", erinnert sich Ninja. Als sie die Tiere im Zoo dann auch nicht mehr erkannte, war klar, mit ihren Augen stimmt etwas nicht.

Es folgte eine Tortur nach der anderen. Ständige Arztbesuche, MRT-Termine, Therapien – die Freizeit stellt man sich als Kind doch anders vor. Jahrelang wurde getestet, zahlreiche Ärzte aufgesucht. Doch keiner konnte die Ursache finden und Ninjas Sehkraft schwand immer mehr. „Mit acht Jahren hatte ich noch ein Kontrastsehen", sagt sie. Im Malunterricht in der Schule habe sie sich die bunten Stifte immer vorsortiert. Niemand ahnte, dass sie die Farben gar nicht sehen konnte. Sogar Ninja selbst dachte anfangs noch, gelb erkennen zu können. „Das Gehirn hat mir vorgegaukelt, ich würde die Farbe erkennen. Dabei wusste ich nur durch den Platz, an dem der Stift lag, dass es gelb war."

Zehn Jahre hat es gedauert, bis die Diagnose feststand. Ein gutartiger Tumor am Sehnerv. „Das war natürlich erst mal Scheiße. Ein gruseliges Gefühl", erzählt Ninja und beißt beherzt in ein Stück rote Paprika. Das mehr oder weniger Gute: Auge und Gehirn sind vollkommen in Ordnung. „Der Tumor hat nur die Verbindung unterbrochen", sagt sie salopp. Ihre einzige Möglichkeit war eine OP. Die Erfolgschancen, naja. Die Sehkraft konnte komplett schwinden, so bleiben oder sich leicht generieren. Wenn man mal ehrlich ist, möchte diese Entscheidung niemand treffen müssen. Ninja hat sie getroffen und sich für eine OP entschieden.

„Mama, scheint die Sonne?"

Neun lange Stunden im Operationssaal und mehrere Tage im sedierten Zustand. Wach und geistig doch abwesend. „Das war nicht so witzig", wirft Ninja ein. Ein Spruch, der angesichts der folgenden Ereignisse jede ironische Wirkung verliert. Am Dienstag, fünf Tage nach der OP, schaute die Physiotherapeutin vorbei. Während sie versuchte, Ninja wieder auf die Beine zu bringen, bemerkte ihre Mama, wie abwesend sie war. Kurz darauf fing es im Krankenzimmer an zu piepen. Die Geräte, an denen die damals 14-Jährige angeschlossen war, schlugen Alarm. Ninjas Herz war stehen geblieben.

Heute führt sie ein Leben wie jeder andere auch. Man hat sie erfolgreich wiederbelebt und schon wenige Tage später konnte sie das Krankenhaus verlassen. An den Tag ihrer Entlassung erinnert sie sich noch gut. Es fühlte sich warm an auf ihrer Haut. „Mama, scheint die Sonne?" Ninja wollte wissen, ob sie mit ihrem Gefühl richtig lag.

Auch wenn die Operation nicht erfolgreich war, hat Ninja ihr Schicksal angenommen und versucht, das Beste daraus zu machen. Sie hat ihr Abitur erfolgreich gemeistert und sich danach schnell entschieden, studieren zu gehen.

Leben mit Handikap

„Ich wollte schon immer nach Kiel. Die Stadt hat eine angenehme Größe", erzählt Ninja und wendet ihren Kopf aus dem Fenster ihrer Zweizimmerwohnung, die sie sich mit ihrem Freund Jan teilt. Als erste ihrer Geschwister ist sie vor knapp zwei Jahren von zuhause ausgezogen. Ursprünglich kommt sie aus der Nähe von Flensburg. Ein schwerer Schritt für die Eltern, das blinde Kind in die Selbstständigkeit zu überlassen? Nicht in Ninjas Fall. Trotz behüteter Kindheit hat sie von Beginn an gelernt, selbstständig durchs Leben zu gehen. „Versuchs doch mal alleine", hieß es da.

Obwohl die Zusage zum Studium noch nicht vorlag, wagte die Studentin den Weg nach Kiel. Eine WG kam für sie dabei nicht in Frage. Als nicht sehender Mensch kann man eben schlecht beurteilen, wie die Menschen wirklich sind, mit denen man zusammen wohnt. Zwei Monate lang ist sie mit ihrem Freund und einer Mobilitätstrainerin immer wieder die wichtigsten Wege abgegangen, hat sich den Campus eingeprägt und gelernt, sich im Haushalt zurecht zu finden.
Hier steht Ninja im 5. Stock des WiSo-Gebäudes, in dem die Studentin Unterricht hat. Im Hintergrund sieht man die bunten Dächer des großen Hörsaalgebäudes.
Einfach aber effektiv. Damit sie weiß, auf wie viel Grad der Herd eingestellt ist, hat Ninja Aufkleber angebracht.
Einfache Tricks macht die 22-Jährige sich dabei zunutze. „Wir haben zum Beispiel Aufkleber an die verschiedenen Stufen des Backofens geklebt, so erkenne ich, welche Temperatur er hat", erklärt sie. Beim Kochen hat sie Glück, denn das übernimmt ihr Freund Jan nur allzu gern. Ninja hilft ihm mit den Schnippelarbeiten oder nutzt ihre sprechende Waage, um schon einmal alles abzuwiegen. Das Putzen ist da schon schwieriger. „Man muss halt so lange putzen, bis man denkt, es ist sauber. Wenn der Spiegel dann immer noch Flecken hat, ist das Pech", sagt sie und schmunzelt. Einzig das Staubsaugen missfällt ihr deutlich. „Das ist Scheiße, da muss ich ja vorher immer auf dem Boden rum kriechen und gucken, wo noch was im Weg liegt." Gut, dass sie dafür Jan hat.
Vor fast vier Jahren hat sie den 21-jährigen Studenten aus Kronshagen bei einem Tanzkurs kennengelernt. Schnell war klar, dass sich beide auf derselben Wellenlänge bewegen. Sie haben so viel Zeit miteinander verbracht, dass er kurzerhand mit eingezogen ist. Mittlerweile ist er nicht nur als Lebensbegleiter an ihrer Seite, sondern beim Amt sogar als ihre persönliche Assistenz eingetragen. Ninja erhält einen monatlicher Zuschuss für eine persönliche Assistenz, die sie sich selbst suchen musste. „Jan hat sowieso einen Nebenjob gesucht und dass wir zusammen sind und zusammen wohnen macht es noch einfacher", erklärt sie. Abends vor dem Fernseher kann er mal eben ein paar Texte für sie einscannen oder ihr bei Recherchearbeiten helfen.
Zurzeit kommt das oft vor, denn für beide stehen die Prüfungswochen bevor. Ninja hat Glück. Dieses Semester wurde ihr Antrag auf Nachteilsausgleich problemlos bewilligt. So unkompliziert läuft das bei Weitem nicht jedes Semester für die blinde Studentin. Oft muss sie kämpfen. Kämpfen um Zeitverlängerung, kämpfen um einen Raum mit ausreichend Stromquellen für ihre Hilfsgeräte, kämpfen dafür, dass sie durch Tippfehler keine Benachteiligung erhält. Schon mehrmals musste sie die Behindertenbeauftragte einschalten. Fragwürdig, angesichts der Tatsache, dass sie auf zusätzliche Stromquellen für die Klausur angewiesen ist und ihr Antrag dennoch oft genug abgelehnt wurde. „Man muss echt manchmal tricksen im Leben, sonst kriegste nix. Jeder Blinde hat andere Arbeitsweisen, das ist in den Köpfen vieler Menschen noch nicht angekommen", bemängelt sie. Die 22-Jährige hat keine spezielle Assistenz, die ihr während der Anwesenheit an der FH zur Verfügung steht.
Die Braillezeile. Die Studentin nutzt sie für die Arbeit am Computer.
Zu den Hilfsmitteln, die Ninja nutzt, gehört unter anderem eine Braillezeile, eine Art Blindentastatur. Ein spezielles Programm liest ihr die Prüfungsfragen vor. Das geschieht in einem Tempo, dem Menschen ohne Behinderung so gut wie nicht folgen können. Da sie die Maus auf dem Bildschirm nicht sehen kann, verwendet sie verschiedene Tastenkombinationen, um sich zu orientieren. Das ist alles sehr aufwendig und so kommt es vor, dass sie bis zu fünf Stunden an einer Klausur sitzt. Für ihre Bachelorarbeit hat sie sich deshalb ein zusätzliches Semester eingeplant. „Schriftliche Arbeiten sind wegen der Recherche ein großes Stück Arbeit, auch für Jan", erklärt sie. Zusammen mit ihrem Freund sucht sie im Bibliothekskatalog nach Schlagwörtern. Jan liest ihr dann die Inhalte vor und sie entscheidet, ob das Buch für ihr Thema relevant ist. Die Kapitel, die Ninja verwenden kann, scannt Jan für sie ein. So kann sie sich alles am PC vorlesen lassen.

Doch auch von dieser anstrengenden Arbeit lässt die junge Frau sich nicht entmutigen, im Gegenteil. Trotz des zeitaufwendigen Studiums geht sie weiterhin mehrmals in der Woche mit ihrem Freund in den Tanzkurs, trifft sich mit Freunden oder geht ins Kino. Im Moment freut sie sich besonders auf die Kieler Woche. Das ganze Gewusel in der Menschenmasse ist zwar anstrengend, aber für die Konzerte lohnt es sich, meint Ninja. Sie lässt sich die Stars auf der Bühne dann immer von ihrem Freund Jan beschreiben. „Alle nackt, sage ich dann immer", beide müssen anfangen zu lachen. Familie und Freunde behandeln sie eben ganz normal und dabei kommt es schon mal vor, dass auch so ein Spruch fällt: „Tja blöd, haste nicht gesehen, ne?" Nichts, womit Ninja nicht umgehen könnte. „Warum sollte man darüber nicht lachen? Es ist halt eine Behinderung, damit muss man leben. Traurig in der Ecke zu sitzen, ist doch auch nicht zielführend", erklärt die 22-Jährige selbstverständlich. Starke und ehrliche Worte.
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