Hermannstraße
Maja Schinköthe       Mittwoch,05.04.2017 | 9:32 Uhr

HermannstraßeInterview

Über Body Modification und den Moment, wenn es ins Philosophische geht

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Modul Campusredaktion I entstanden. Als Teil der Prüfung im Wintersemester 2016/17 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.


TOBIAS PRÜWER

ÜBER BODY MODIFICATION UND DEN MOMENT, WENN ES INS PHILOSOPHISCHE GEHT



In seinem Buch „Für’s Leben gezeichnet – Body Modification und Körperdiskurse“* befasst sich Tobias Prüwer mit der Bedeutung und Anerkennung der Body Modification früher und heute. Im Interview verrät er Maja Schinköthe für die Linie 11, was genau dieses Thema mit unserer Gesellschaft zu tun hat und warum es keinen Sinn macht, nach Gründen für Körpergestaltungen zu suchen.

Herr Prüwer, bevor es richtig losgeht, erklären Sie doch bitte erst einmal, was Body Modification ist und was das mit dem Thema Tattoo zu tun hat.

Mit Body Modification, oder einfach nur BodyMod, ist eine künstlich vorgenommene Veränderung am eigenen Körper gemeint, die dem Natürlichkeitsbild des menschlichen Körpers widerspricht. Dazu gehören beispielsweise Piercings, Implantate, Zungenspaltungen und eben auch Tätowierungen. Sie sind die gängigste Praktik der Body Modification.

Inwiefern soll BodyMod dem natürlichen Körperbild widersprechen?

Indem sie aus Veränderung Andersartigkeit machen. Strenggenommen zählen also Schönheitsoperationen oder Body Building nicht zur BodyMod, obwohl sie den Körper ja auch langfristig verändern. Beides unterstreicht aber eher die Reize des natürlichen Körpers. Body Modification hingegen soll den Menschen bewusst anders aussehen lassen.

Ist das eine Art Kunst?

Es kann Kunst sein, es kann ein anderes Verständnis von Ästhetik sein… es kann alles Mögliche sein. Das ist jedem selbst überlassen.

Wenn Menschen jemanden mit Implantaten unter der Haut oder Tattoos im Gesicht sehen, reagieren die meisten doch eher verdutzt. Warum ist das so?

Weil es nicht ihrem Bild vom „normalen“ menschlichen Körper entspricht. Es gibt in dieser Gesellschaft ein klar definiertes Körperbild und auch Körperideale. Wenn jemand mit diesen Idealen bricht, kann das leider schnell zu Unverständnis führen.

Wie kam es zu diesem Körperbild?

Also, zum einem natürlich durch Schönheitsideale. Das Schönheitsideal entspringt wiederum einem Natürlichkeitsbild des Körpers, das vor allem durch religiöse Prägung tief in der Gesellschaft verwurzelt ist. Es gibt seit der Entstehung des Christentums und des Islam ganz klar definierte Körperbilder. Der Körper galt und gilt bis heute in der Religion als etwas Göttliches, da er als Ebenbild Gottes gesehen wird, oder, wie es der Koran formuliert, sogar nur als Leihgabe Gottes. Deswegen erlauben die heiligen Schriften auch nicht, den Körper zu verändern, sie verbieten also Tattoos und andere Deformationen. Wenn so etwas über Jahrtausende gepredigt wird, ist natürlich klar, dass sich bestimmte Denkmuster und Ideale verfestigen.

Aber gerade das Tattoo ist doch inzwischen weitgehend anerkannt, oder?

Das Tattoo meist schon, ja. Immerhin sind inzwischen etwa 20 Prozent der Deutschen tätowiert. Aber oft treffen wir doch noch auf Vorurteile, nämlich dann, wenn das Tattoo eben nicht nur eine kleine, hübsche Rose an einer Körperstelle ist, die man notfalls noch verdecken kann. Das Tattoo darf, um anerkannt zu bleiben, keine Grenzen überschreiten. Es darf nicht extrem sein. Wobei, bei Rockstars oder Fußballern ist das okay, die dürfen schon ein bisschen stärker tätowiert sein. Die vermarkten sich sogar dadurch. Aber bei „normalen“ Menschen – sobald ein Tattoo sehr auffällig wird, also zum Beispiel über die Hände oder das Gesicht geht, wird oft kriminalisiert oder sogar über psychische Störungen gesprochen. Dann heißt es wieder: Wie kann ein Mensch das nur mit sich machen? Der sieht doch aus wie eine Litfaßsäule! Oder eben einfach nur: Wie hässlich. Das passiert bei anderen Body Modifications natürlich noch viel eher.

Die Wörter „normal“ und „unnormal“ fielen im Laufe des Gesprächs jetzt schon öfter. Inwiefern ist Normalität besonders hinsichtlich des menschlichen Körpers wichtig für eine Gesellschaft?

Da geht es so ein bisschen ins Philosophische. Für die Gesellschaft scheint Normalität auf jeden Fall eine wichtige Sache zu sein. Viele Menschen brauchen scheinbar eine Art Stabilität, die sie nur über Normalität erreichen können. Ich leite das daraus ab, dass einfach viel zu oft verbal oder auch real auf etwas eingeprügelt wird, das anders aussieht, anders liebt oder sonst wie anders ist. Ich vermute, dass viele Leute in ihrem Selbst oder in ihrer Vorstellung vom eigenen Leben derart unsicher sind, dass sie Andersartigkeit noch mehr verunsichern würde und sie sie deswegen ablehnen. Sie wünschen sich, dass ihre Umgebung und ihre Mitmenschen so viel wie möglich mit ihren eigenen Vorstellungen, mit ihrem persönlichen Verständnis von Normalität, übereinstimmen.

Dass auffallende Tattoos und Piercings in der Bankenwelt oder in der Politik immer noch nicht gern gesehen sind, weist also darauf hin, dass besonders da Normalität erwünscht ist?

Das kann ich mir durchaus vorstellen. Gerade die Finanzwelt läuft ja extrem über Reglementierung der Äußerlichkeiten, wie zum Beispiel Dresscodes. Ich war gerade erst vor ein paar Wochen in Dublin, wo es diese großen Bankenzentren gibt. Da liefen überall Männer in dunkelblauen Anzügen und braunen Lederschuhen rum. Es gibt dort ganz klare Vorstellungen von einem gepflegten Äußeren. Ein Dreitagebart ginge da nicht, ohne Krawatte – undenkbar, und die neueste Anzugsmode – sowieso ein Muss. Eine Tätowierung oder ein Tunnel im Ohrläppchen würde eher für Irritation bei anderen Bankern sorgen. Man ist da also einer gewissen Normierung aus seinem Business unterlegen. Um das zu ändern, müsste man diese Denkmuster durchbrechen.

Herr Prüwer, in Ihrem Buch machen Sie einen Exkurs in die Geschichte der Body Modification, vor allem aber in die des Tattoos. Diese reicht bis zum 5000 Jahre alten Ötzi. Wie kann das sein?

Das dürfte eigentlich nicht großartig verwundern. Es gibt nämlich kein einziges bekanntes Urvolk, das sich nicht tätowiert hat. Das Tattoo hatte in vielen Völkern eine spirituelle Bedeutung. Skythen und Ägypter zum Beispiel stachen sich oft Totemtiere unter die Haut. Sie glaubten an eine glück- und schutzbringende Wirkung. Andere Ethnien nutzten Ganzkörper-Tattoos zur Abschreckung von Feinden oder als Kriegsbemalung. Und bei Ötzi vermutete man sogar einen medizinischen Zweck. Die Tradition nahm dann erst mit der Entstehung des christlichen Körperbildes ab und wurde plötzlich für „unnormal“ erklärt.

Sind also die Religion und ihre Körperdefinition allein schuld an der negativen Konnotation der Body Modification?

Da spielt natürlich noch mehr mit rein. Die Tätowierung wurde schon bei den Römern zur Kennzeichnung von Kriminellen und Andersgläubigen angewandt. Das setzte sich bis in den Nationalsozialismus fort. Dadurch assoziierte man sicherlich etwas Negatives mit dem Tattoo. Ein weiterer Punkt ist außerdem, dass die Europäer ab dem 19. Jahrhundert, als das Tattoo und andere BodyMod von den Seefahrten und Forschungsreisen wieder nach Europa gebracht wurden, das Ganze sehr exotisiert haben. Dem Tätowieren wurde lange Zeit eine gewisse Primitivität und Unzivilisiertheit zugeschrieben. Außerdem gab es immer wieder Phasen in der Geschichte, in denen es nach kurzweiligen Moden wieder zu Verboten kam. Und in den 70er-Jahren sorgte die Wiederentdeckung des Tattoos durch verschiedene Gangs auch nicht wirklich für eine positive Assoziation.

Wenn man versuchen würde, die Gründe für Body Modification nachzuvollziehen, würde sich dann die Herangehensweise an das Thema ändern?

Ich weiß es nicht. Die Gesellschaft versucht halt immer, alles zu rationalisieren und zu funktionalisieren. Ständig versucht man, sich alles logisch zu erklären. Natürlich kann die Wissenschaft den traditionellen oder den modernen Tätowierungen inzwischen verschiedene Funktionen zuschreiben. Es ist ja auch interessant zu sehen, wie vielseitig die Anwendung war. Wenn der Forscher aber heutzutage keine passende Antwort auf seine Frage nach dem Grund für BodyMod findet, fängt er an, mit Störungen zu argumentieren, also zu pathologisieren. Plötzlich wird von Schmerzlust gesprochen und von Selbst-verstümmelung. Warum muss aber eine körperliche Veränderung immer einen Zweck erfüllen?

Ist es das, was Ihnen in dem Zusammenhang vielleicht noch auf der Seele brennt?

Ja, vielleicht. Ich finde es halt schade, dass sich Menschen immer noch erklären müssen. Das betrifft nicht nur den Ton der Medien oder persönliche Begegnungen. Es betrifft auch die Wissenschaft. Gerade in Folge meiner intensiveren Auseinandersetzung mit dem Thema ist mir aufgefallen, dass auch in wissenschaftlichen Arbeiten noch viel exotisiert und, wie eben beschrieben, pathologisiert wird. Aber gerade da sollte man doch eigentlich neutral bleiben und das Thema ernst nehmen. Ein Brustwarzenpiercing ist eben nicht zwingend aus sexuellem Antrieb gestochen worden. Und ein Tattoo wird nicht immer nur um des Selbstwertes willen unter die Haut gebracht. Es gibt etliche Gründe für Body Modification. Und jeder von ihnen ist okay.

*Tobias Prüwer: Für’s Leben gezeichnet – Body Modification und Körperdiskurse, Parodos Verlag

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