Seefischmarkt
Johanna Wilke       Mittwoch,19.04.2017 | 11:56 Uhr

SeefischmarktInterview

Tattoos: Heilmethode, Kommunikationsmittel und Fenster zur Steinzeit

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Modul Campusredaktion I entstanden. Als Teil der Prüfung im Wintersemester 2016/17 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.


DIRK-BORIS RÖDEL

TATTOOS: HEILMETHODE, KOMMUNIKATIONSMITTEL UND FENSTER ZUR STEINZEIT



Tätowierungen sind schon lange kein Tabuthema mehr, sie sind Trend, Kult oder sogar Lebenseinstellung. Dirk-Boris Rödel ist Experte auf dem Gebiet japanischer Tätowierkunst, Journalist und Buchautor. Ein Interview von Johanna Wilke über ein Leben mit und für Tattoos.

Du selbst bist stark tätowiert. Wie viele Tattoos hast du?

Genau kann ich es nicht sagen, da ich schon seit vielen Jahren Tätowierungen sammle. Aber es müssten circa 45 Stück sein.

Tattoo-Studios schießen derzeit wie Pilze aus dem Stadtboden, man hat die Qual der Wahl. Nach welchen Kriterien hast du die Studios für deine eigenen Tätowierungen ausgesucht?

Zum einen natürlich nach der Qualität, aber auch nach dem Stil. Für mich ging oftmals auch der persönliche Draht zum Tätowierer vor der technischen Ausfertigung. Ich will kein tolles Tattoo von jemandem haben, den ich menschlich nicht leiden kann. Eine schöne Erinnerung an das Tätowieren ist mir auch wichtig, man verbringt schließlich einige Stunden miteinander.

Du bist studierter Japanologe, dein Hobby ist das Dudelsack-Spiel, das ist beides sehr außergewöhnlich, wie kamst du dazu?

Zuerst habe ich in Konstanz Psychologie studiert, habe da aber keine Perspektive für mich gesehen. Es war einfach nicht das Richtige. Ich war schon in meiner Jugend in diversen Kampfsportarten aktiv und auch mehrfach zum Training in Japan. Dann kam mir die Japanologie als Studium über den Weg und da ich schon Grundkenntnisse in der japanischen Sprache hatte, bin ich es einfach angegangen.
So wurde mir der Weg geebnet für mein journalistisches Interesse für Tätowierungen, denn ich habe meine Magisterarbeit über die japanische Tätowierkunst geschrieben. Wie ich zum Dudelsack-Spiel kam, war auch mehr ein Zufall. Ich war mal auf einer kleinen Tattoo-Convention in Österreich und dort gab es eine Dudelsackband im Schauprogramm. Dann hab ich mir hier einen Lehrer gesucht und spiele mittlerweile seit zehn Jahren.

Du beschäftigst dich seit Jahren professionell mit Tätowierungen und schreibst ihnen eine heilende Wirkung zu, bitte erkläre das doch mal.

Als die Menschen vor tausenden Jahren begannen, sich zu tätowieren, hatte das keine ästhetischen Gründe. Tätowieren war eine medizinische Behandlungsmethode. Die Tätowierungen der Gletschermumie Ötzi sind weithin bekannt, diese haben keine ornamentale Bedeutung, sondern korrelieren mit zahlreichen Akupunkturpunkten. Diese Punkte stehen in Bezug zu verschiedenen Gelenken, in denen man bei Ötzi degenerative Gelenkserkrankungen festgestellt hat. Daraus kann man schließen, dass die Leute in Europa schon Wissen über Akupunktur hatten – und, dass sie Akupunktur mit dem Einstechen von Farbstoffen verbunden haben.

Man behandelte also Krankheiten durch das Einstechen von Farbe unter die Haut?

Genau, diese Art von Tätowierungen sollte auf erkrankte Gelenke wirken. Vor einigen Jahren hat Colin Dale, ein Tätowierer aus Dänemark, experimentelle Archäologie betrieben: Er hat solche Tätowierungen durch einen Akupunkturexperten an einem Probanden mit orthopädischen Problemen vornehmen lassen. Der Verlauf der Krankheit wurde dann über mehrere Jahre dokumentiert. Auch wenn dieses Experiment nicht repräsentativ ist, der Proband hat angegeben, dass er eine deutliche Verbesserung vieler Beschwerden verspürt hat.

Warum wird diese Methode heutzutage nicht mehr praktiziert?

Das wird sie! Ein Mitarbeiter von mir hat in Afrika einen Stamm von Buschleuten besucht und kam auf den Wanderungen kaum hinterher, da er seit langer Zeit Probleme mit dem Sprunggelenk hatte. Die Leute haben ihm angeboten, ihm zu helfen, und da er recht experimentierfreudig ist, hat er einfach zugesagt. Dann haben die Stammesangehörigen für ihn einen Brei aus Kräutern und Pflanzen angerührt. Er dachte, er bekäme einen Umschlag, war dann aber relativ verblüfft, als sie eine Pfeilklinge genommen haben, ihm den Knöchel angeritzt und ihm diese Mixtur eingerieben haben. Das war einfach ein unglaublich glücklicher Zufall, denn es öffnete sich ein Fenster in die Steinzeit. Er hat miterlebt, wie die Leute wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden auf ihre Art tätowiert haben.

Das Injizieren der Farbe spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, verstehe ich das richtig?

Genau. Diese Technik hat gar nicht den Zweck, dass irgendwelche Spuren zurückbleiben. Er hat auch nur ganz feine Linien dort zurückbehalten, wo er mit dem Pfeil geritzt wurde. Denn in den Pflanzensäften sind einfach Farbstoffe enthalten. Aber der eigentliche Sinn besteht darin, dass die Wirkstoffe aus diesen Heilkräutern in die Blutbahn gelangen und schließlich ins Gelenk. Die Färbung ist nur der Nebeneffekt. Es bleiben bei diesem Verfahren Muster zurück, die Beschwerden sind weg und die Leute assoziierten mit diesen Mustern die Gesundung. Tattoos dieser Art wurden folglich als Schutz vor Krankheit angesehen.
Wenn man den Leuten heute von Heiltätowierungen erzählt, wird man nur komisch angeschaut, das kann ich nicht verstehen. Auch heute kann man Tattoos eine heilende Wirkung zuschreiben, aber mehr im psychologischen Sinne: Man sieht Tattoos oft bei Leuten, die wenig selbstsicher sind, oder auch bei Frauen mit Missbrauchserfahrungen. Bei solchen Leuten besteht die Heilwirkung darin, dass sie durch die Tätowierung zeigen, dass sie ihren Körper annehmen und Verantwortung für ihn übernehmen und ihn gestalten. Etwas, was man ablehnt, gestaltet man nicht. Naja, ich hab mein Psychologiestudium nicht zu Ende gemacht. (lacht)

Sondern du hast deine Magisterarbeit in Japanologie geschrieben, die als Grundlage für dein erstes Buch diente. Zudem bist du Chefredakteur des Tätowiermagazins. Wie sieht eure Leserschaft aus?

Das ist natürlich der Traum eines jeden Redakteurs, dass er die Beschaffenheit der Leser genau kennt. Die ist bei uns, glaube ich, sehr breit gestreut: Angefangen natürlich von Tätowierern, die sich schlau machen wollen, was die Mitbewerber und Kollegen machen. Dann allgemein Tattoo-Fans, die auch viel Zeit auf Conventions verbringen, für die es ein Lebensinhalt ist, tätowiert zu sein. Das Magazin lesen aber auch viele, die noch gar nicht tätowiert sind, es aber als Informationsquelle nutzen. Und für die ist es ja auch gedacht, um schauen zu können: Wo ist momentan der Stand, was kann man von einem Tätowierer erwarten, wie sieht ein gutes Tattoo aus, wie sieht ein nicht so gelungenes Tattoo aus.

Tätowiermagazin
Das Magazin ist die älteste Tätowierzeitschrift Deutschlands. Es existiert seit 1994 und gehört mit mehr als 46.000 Lesern pro Ausgabe im Durchschnitt zu den größten Influencern der Szene.

Gibt es ethische Grenzen in der Berichterstattung?

Wir haben zwar selten Berührungspunkte mit der rechten Szene, weil wir unseren Standpunkt von Anfang an sehr deutlich gemacht haben, aber es gibt sie. Solche Themen fassen wir nicht mit der Kneifzange an. Es gibt einen Tätowierer, der bei realistischen Tätowierungen zur Weltspitze gehört. Der hat aber auch kein Problem damit, seinen Kunden Szenen aus Konzentrationslagern zu tätowieren. Das habe ich alles schon gesehen. Das findet bei uns nicht statt, das würden wir niemals bei uns im Heft abdrucken.

Das Magazin ist dafür bekannt, dass die Redakteure ihren eigenen Standpunkt immer sehr deutlich machen, die Leser auch kritisieren – damit macht ihr euch ja bestimmt nicht nur Freunde, oder?

Wir machen das Heft nicht nur, damit wir unsere Miete bezahlen können. Für jeden von uns ist das Tätowieren etwas, womit wir uns auch über das Magazin hinaus beschäftigen. Wenn sich jemand ein Arschgeweih, ein Unendlichkeitszeichen oder einen Notenschlüssel hinter das Ohr tätowieren lässt, dann sage ich: Das ist jetzt nicht das Originellste, was man machen kann, aber in Gottes Namen, wenn du es schön findest, dann werde ich das nicht schlechtreden. Wenn mich jemand fragt, ob es legal sei, sich ein ACAB-Tattoo stechen zu lassen (Anm. der Red.: All Cops are Bastards), da finde ich es absurd, um Erlaubnis zu fragen. Das ist einfach blöd, tut mir leid! Man will ein gesetzloser Rebell sein, der Staatsgewalt in die Eier treten, und fragt dann: Aber ist das eigentlich erlaubt? Da musste ich einfach mal deutlich Stellung beziehen. Ansonsten tut man sich als Journalist in Sachen Glaubwürdigkeit auch keinen Gefallen. Der Leser war bestimmt ziemlich angepisst, aber vielleicht hat er es sich trotzdem zu Herzen genommen.

Bei diesen Geschichten kommt der Gedanke auf, dass das Klischee vom kriminellen Tätowierten doch zutrifft.

Das ist ein Fehlschluss. Das hat eine gewisse Logik, ist aber eine umgedrehte Logik. Diese Diskussion kam schon Ende des 19. Jahrhunderts auf und wurde besonders durch den italienischen Arzt Cesare Lombroso angestachelt. Er war der Meinung, der Verbrecher an sich sei degeneriert und primitiv. Und da er primitiv sei, tendiere er dazu, Verhaltensweisen primitiver Völker zu imitieren. Und dazu gehören eben auch Tätowierungen.
Untermauert wurde Lombrosos These natürlich dadurch, dass man in Haftanstalten viele Tätowierte gefunden hat und, dass dort viel tätowiert wurde. Der Umkehrschluss: Jeder, der im Gefängnis ist, ist kriminell, also sind Kriminelle größtenteils tätowiert. Aber das stimmt natürlich so nicht. In den Haftanstalten wurden logischerweise nur die Leute untersucht, die gefasst und inhaftiert wurden, und sich eventuell auch erst im Gefängnis haben tätowieren lassen. Das kann auch einfach aus Langeweile passiert sein. Oder weil eine Tätowierung im Gefängnis das Letzte ist, was einem genommen werden kann. Tattoos haben bei Kriminellen einen hohen Stellenwert, das stimmt, aber dieses Klischee auf alle zu übertragen, wäre falsch.

Tattoos sind schon lange keine Phänomene in Randgruppen mehr, sondern Bestandteil des Alltags, worin liegt ihre wachsende Beliebtheit begründet?

Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat mal zu mir gesagt: Tätowiert zu sein ist der Normalzustand des Menschen. Nicht tätowiert zu sein, ist nicht normal.
Und damit hat er völlig recht. Es klingt absurd, aber ist tatsächlich so: Betrachtet man die Menschheitsgeschichte, merkt man, dass es praktisch keine ursprüngliche Kultur gab, in der nicht tätowiert wurde. Das haben schon Charles Darwin und James Cook auf ihren Forschungsreisen festgestellt.

Warum wurden Tattoos dann lange als fremdartig angesehen?

Tätowieren war immer und überall auf der Erde völlig normal. Aber in den monotheistischen Religionen, also Christentum, Judentum und Islam, ist es größtenteils verboten. Man geht davon aus, dass der Körper von Gott gegeben ist und nicht verändert werden darf. Das Tätowieren war in vielen weltlichen Kulturen die letzten 2000 Jahre mit einem religiösen Bann belegt. Das ist in Bezug auf die gesamte Menschheitsgeschichte aber nur ein Wimpernschlag. Ich denke, wir bewegen uns jetzt einfach wieder darauf zu, dass das Tätowieren wieder so normal wird, wie es immer schon war. Tätowiert zu sein scheint zu den Grundbedürfnissen des Menschen zu gehören.

Trotzdem gibt es viele, die ihre Tattoos bereuen oder sogar wieder entfernen lassen. Du hast in einem Editorial mal geschrieben: Heult nicht rum, wenn ihr mal schief angeschaut werdet, oder lasst euch eben einfach nicht tätowieren, wenn ihr damit nicht klarkommt. Ziemlich deutliche Worte. Glaubst du, dass viele Leute als Tätowierte gar nicht geeignet sind?

Auch wenn Tattoos heute so verbreitet sind, sollte man trotzdem im Hinterkopf haben, dass man in Situationen kommen kann, in denen man mit dem Tattoo aneckt, und wie man dann damit umgeht. Viele Leute leben in einer Dunstglocke. Wenn ein junger Mensch in Berlin oder Hamburg aufwächst und sich mit 18 Jahren gleich Unterarme, Hände und Hals tätowieren lässt, dann fehlt einfach auch die Erfahrung: Wie ist es denn, wenn man dann mal in den Urlaub in ein weniger modernes Land fliegt oder sich um einen Job bemüht?
Tätowierungen sind ein Kommunikationsmittel. Und sie kommunizieren immer, denn sie sind permanent. Man kann es also nicht verhindern, dass Reaktionen kommen. Und wenn die unangenehm sind, sollte man sich vorher einen Plan machen, wie man reagiert.

Nach so vielen Jahren in der Szene kann dich bestimmt nichts mehr aus der Fassung bringen, oder?

Ich habe auf einer Tattoo Convention in Zürich eine junge Frau gesehen, die hat sich „CUNT“ in den Nacken tätowieren lassen. Da war ich einfach ratlos. Da würden heute viele andere wahrscheinlich nicht mal groß hinterher gucken, aber ich dachte nur: What the fuck, warum, wieso?
Außerdem bekomme ich regelmäßig Fotos von Genital-Tattoos in die Redaktion geschickt. Meistens von Männern. Und wenn man die Mails oder Briefe geöffnet hat, ist es ja auch schon zu spät. Man denkt immer, man hätte schon alles gesehen, und dann kommt noch was um die Ecke, was einen wieder völlig umhaut. Aber das macht ja auch das Schöne an dem Job aus.

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