Schulredder
Johanna Wilke       Donnerstag,11.01.2018 | 17:58 Uhr

SchulredderReportage

Letzte Chance 1€-Job?

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Wahlmodul "Campusredaktion II" entstanden. Als Teil der Prüfung im Sommersemester 2017 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.

 
 

Letzte Chance 1€-Job?


„Das war irgendwie eine Rebellion gegen mich selbst. Warum genau ich aufgehört habe, weiß ich aber nicht.“ Tom legt einen feuchten Streifen Papier nach dem anderen auf die Konstruktion aus Holz und Draht, während er mir von seinem Schulabbruch erzählt. Er baut eine Lichtsäule aus Pappmaché für die Kieler Woche. Im Juni, wenn alle Säulen fertig sind, werden sie auf der Krusenkoppel aufgestellt. Doch bis dahin steht noch viel Arbeit an für Tom und seine Kollegen vom Projekt 8+3 in der Hamburger Chaussee. Sie arbeiten in so genannten 1€-Jobs. Tom hat die Hauptschule geschmissen, einfach so, wie er sagt. Er kommt jetzt seit gut einem Jahr zu diesem Job, so wie noch 30 weitere junge Menschen bis 25 Jahre. „Ich war in der zehnten Klasse, da wurde mir das alles zu viel. Das war wirklich dumm“, sagt er und fährt mit der Arbeit an der Lichtsäule fort: „Sie müssen einfach die eingekleisterten Streifen hier drauf verteilen, am besten so, dass sie sich ein wenig überlappen“, sagt er zu mir.


Tom siezt mich immer wieder, obwohl ich ihm schon mehrfach das Du angeboten habe und wir fast im selben Alter sind. Er wolle nicht aggressiv wirken und sage deshalb „Sie“. Er sieht sympathisch aus und lacht, als ich Fragen darüber stelle, wie ich das Pappmaché am besten auf dem Gerüst für die Lichtsäule verteilen soll. Meine Fragen scheinen ihm etwas unangenehm zu sein, aber er beantwortet alle. Manchmal etwas einsilbig, dann kommt er kurze Zeit später noch einmal darauf zurück.




Tom und die anderen Teilnehmer der Maßnahme sind hier, weil sie die festen Strukturen des Arbeitsalltages kennenlernen sollen. Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung, wie die 1€-Jobs im Amtsdeutsch heißen, sollen der „Erhaltung oder Wiedererlangung der Beschäftigungsfähigkeit“ der Teilnehmer dienen. Vom Gesetzgeber sind diese Maßnahmen dann vorgesehen, wenn andere Aus- und Weiterbildungen nicht in Frage kommen. Für diejenigen, die als „arbeitsmarktfern“ gelten, die resigniert sind und denen vieles schon egal ist. Der 1€-Job als letzte Chance. In den Arbeitsgelegenheiten sollen sie lernen, früh aufzustehen, regelmäßig und pünktlich zur Arbeit zu kommen und dort Einsatz zu zeigen. Das mag für viele selbstverständlich klingen, doch ein Großteil der Teilnehmer hat feste Strukturen und Abläufe nie gelernt. Die 1€-Jobs waren seit ihrer Einführung im Jahr 2005 immenser Kritik ausgesetzt. Sie würden Langzeitarbeitslose nicht zurück auf den Arbeitsmarkt bringen und reguläre Beschäftigung verdrängen. Zudem wurde die Zahl der Beschäftigten in 1€-Jobs in den letzten Jahren kontinuierlich weniger. Im Jahr 2005 gab es etwa 300.000 ausgeführte Stellen in 1€-Jobs, 2016 waren es weniger als 75.000.


Das liege vor allem daran, dass eine Person innerhalb von fünf Jahren insgesamt nicht länger als 24 Monate an einer Maßnahme teilnehmen dürfe. Reguläre Arbeit werde nicht verdrängt. Es könnten nur zusätzliche Stellen als solche Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden und die Tätigkeiten müssten der Allgemeinheit dienen, erklärt mir Michael Heidemann, Teamleiter des Jobcenters Mettenhof. „Die Renovierung einer Privatwohnung durch einen Malermeister kann also nicht mit Hilfe von Teilnehmern einer Maßnahme erfolgen“, so Heidemann weiter.
Auch unter den Empfängern des Arbeitslosengeldes II, den potentiellen Teilnehmern, sind 1€-Jobs mit Vorurteilen behaftet. Viele haben Angst, beispielsweise durch Reinigungstätigkeiten im öffentlichen Bereich als Arbeitslosengeldbezieher entlarvt zu werden. „Natürlich gibt es auch immer Menschen, die alles ablehnen. Oder solche, die sehr selten zu den Terminen der Maßnahme erscheinen. Wenn die Fehlzeiten zu viel werden, kann die Maßnahme von Seiten des Jobcenters auch abgebrochen werden. Dann folgen Sanktionen in Form einer Kürzung des Arbeitslosengeldes II“, sagt Heidemann weiter.


Und wie lernen die Teilnehmer feste Strukturen einzuhalten?
Ein Tag in der Maßnahme 8+3 ist genau getaktet, diesen Zeitplan erlebe ich heute: Um 08:30 Uhr beginnen wir mit der Arbeit, dann werden Fragen geklärt und besprochen, wer an diesem Tag welche Aufgaben hat. Um 09:30 Uhr wird die erste kurze Pause gemacht, dann wird bis 10:30 wieder gearbeitet. Es folgt eine halbe Stunde Pause bis 11 Uhr. Ab 12 Uhr wird aufgeräumt, danach treffen sich alle zur Besprechung und es wird protokolliert, wer was gemacht hat. Um 12:30 kommt dann die nächste Gruppe mit demselben Zeitplan. „Langweilig wird es bei uns nie, auch außerhalb der Kieler Woche nicht“, sagt Anke Bunt, Betreuerin der Maßnahme. Die Teilnehmer können alles Mögliche bauen, zum Beispiel Möbel oder Balkonkästen. Oder sie zeichnen, sprayen Graffiti im Hinterhof oder lernen. „Einige der Teilnehmer bereiten sich auf ihren Schulabschluss vor. Manche auf den Hauptschulabschluss, einer sogar auf das Abitur“, so Bunt. Es gebe also doch Teilnehmer, die für eine schulische Ausbildung weiterhin in Frage kommen.


Tom will auch seinen Abschluss nachholen, beschäftigt sich aber zunächst lieber mit den Lichtersäulen aus Pappmaché. „Ich habe es letztes Jahr schon mal probiert, aber das war mir einfach noch zu viel, das hab ich nicht gepackt. Dann bin ich hierhergekommen. Zuerst bin ich nicht so regelmäßig gekommen. Seit ein paar Monaten aber jeden Tag.“ Warum er seit ein paar Monaten immer kommt, frage ich ihn. „Zuhause gab es Stress, da war es hier einfach besser. Mein Rückzugsort sozusagen. Und eigentlich macht es ja auch Spaß.“


Tom lebte bis zu seinem vierten Lebensjahr mit seinen Eltern, seinen sieben Halbschwestern und vier Halbbrüdern zusammen. Als sich seine Eltern dann trennten, zog er mit seinem Vater und zwei seiner Geschwister nach Ostdeutschland. Dort wurde er dann auch eingeschult, ging aber noch nicht regelmäßig zur Schule, sodass er nach dem Umzug nach Kiel mit acht Jahren die erste Klasse wiederholte. „Ich habe nach der Trennung meiner Eltern vor allem meinen Lieblingsbruder vermisst. Nee, sowas soll man nicht sagen, so meine ich das nicht, tut mir leid.“ Tom entschuldigt sich viel. Für Dinge, die gar nicht negativ aufgefallen sind. Dafür, dass er mich immer wieder siezt, oder dass er die Antwort auf eine meiner Fragen nicht kennt. Wie zum Beispiel auf die Frage, warum er mit der Schule aufgehört hat. „Ich weiß es nicht, ich wollte einfach nicht mehr hin“, sagt er und richtet dabei den Blick auf den Boden. Danach besuchte er eine Klasse am RBZ Technik. Das ausbildungsvorbereitende Jahr, wie diese Maßnahme genannt wird, brach er ebenfalls ab. Hätte er dieses Jahr erfolgreich beendet, hätte er einen Hauptschulabschluss bekommen. „Das frühe Aufstehen habe ich nicht hinbekommen. Ich bleibe einfach zu lange wach. Immer mindestens bis zwei Uhr. Als ich dann hierherkam, habe ich erstmal in der Nachmittagsgruppe gearbeitet. Aber es ist besser für mich, wenn ich mich so langsam an frühes Aufstehen gewöhne, deshalb komme ich nun zu der früheren Gruppe.“


So wie Tom geht es vielen Jugendlichen, die hier teilnehmen. Einige sehen Arbeit als unnötiges Übel an, das den Freizeitaktivitäten im Weg steht. Im Rahmen des Arbeitsprojekts 8+3 sollen deshalb zunächst Arbeit und aktive Freizeitgestaltung zusammenwirken und die Motivation fördern. Regelmäßig spielen alle gemeinsam Fußball oder stehen mit einem Boxtrainer im Ring. So sollen soziale Kontakte und Kompetenzen gefördert werden.


Tom selbst hat keinen großen Freundeskreis. „Ich bin eher zurückhaltend. Ich mag nicht gern mit Menschen reden.“ Weil ich ihm schon so viele Fragen gestellt habe, lache ich und er entschuldigt sich wieder. Eigentlich sei es doch ganz nett, mal ein paar Leute zum Reden zu haben. Man habe hier gar nicht die Möglichkeit, nicht mit anderen zu reden, aber das sei okay. Gut sogar. Hier seien alle ganz locker und hätten Lust zu schnacken. Zuhause habe er dann lieber seine Ruhe.


Wir schweigen eine Weile und legen immer mehr eingekleisterte Papierstücke auf das Gerüst, aus dem irgendwann eine bunte Säule werden soll. Die Arbeit hat etwas meditatives. Von dem Brett, auf dem ein anderer Teilnehmer das Papier mit Kleister bestreicht, gehen wir zu der Säule, legen es auf eine freie Fläche, streichen es fest und holen ein neues Stück. Ab und zu hört man jemanden lachen oder die Säge für die Holzbalken in der Werkstatt aufkreischen. Das Treiben wird irgendwann von einem Betreuer unterbrochen, der ankündigt, es sei zwölf Uhr und Zeit zum Aufräumen. Toms und meine Wege trennen sich hier, doch er kommt nach dem Aufräumen noch einmal auf mich zu. „Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen. Ich habe gesagt, dass ich in der zehnten Klasse die Hauptschule abgebrochen habe. Nicht, dass Sie denken, dass ich so ein Spinner bin, weil die Hauptschule ja eigentlich nur bis zur Neunten geht. Ich war länger dort, in einer besonderen Klasse. Das wollte ich nur sagen.“

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