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Julia Königs       Montag,02.04.2018 | 19:49 Uhr

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Leben für das Buch

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Wahlmodul "Campusredaktion II" entstanden. Als Teil der Prüfung im Sommersemester 2017 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.

 
 

Leben für das Buch


Die 80 Quadratmeter der Buchhandlung sind ausgebucht. 20 Gäste sitzen in erwartungsvoller Neugier auf schwarzen Klappstühlen zwischen Bücherregalen, Verkaufstischen und einem Lesestapel, neben dem Hauke Harder, Inhaber der Buchhandlung „Almut Schmidt“ im Souterrain der Einkaufspassage im Kieler Stadtteil Friedrichsort-Pries, auf einem Barhocker Platz nimmt. Er trägt Turnschuhe heute Abend, über dem schwarzen Hemd eine blaue Weste. Die Brille sitzt locker auf der Nase, seine Hände fliegen mal hierhin, mal dorthin, wenn er über seine liebsten Bücher spricht. 35 Werke stellt er heute bei seiner Veranstaltungsreihe „Erlesenes“ vor. Er macht das alle sechs Monate, einmal im Herbst, einmal im Frühjahr.
Die Veranstaltung ist kostenlos – es gibt keine Eintrittspreise, aber die Chance, Hauke, den besonderen Buchhändler, live zu erleben. Hauke klopft schwarzhumorige Witze an den richtigen Stellen. Schafft es, dass er am Ende des Abends 20 glückliche Gesichter vor sich hat, die nicht nur der Bücher wegen gekommen sind, sondern weil sie Hauke und seine Frau Sonja schätzen. Hauke ist das öffentliche Sprachrohr des Ehepaars, Sonja mag weniger im Rampenlicht stehen, ist jedoch seine treue Unterstützung. Bücher verkaufen heißt: Begeisterung teilen, leidenschaftlich lesen, gastfreundlich sein. Hauke ist mehr als nur ein Buchhändler. Er ist Leser, Blogger, Rezensent, Entertainer, Lebensberater.
„Wir nehmen kein Geld für die Veranstaltung, weil es eine Werbemaßnahme für uns ist. Ich will Werbung nicht wie einen Presslufthammer einsetzen. Ich setze mehr auf Mundpropaganda. Wir wollen in die Köpfe der Menschen kommen, eine Literaturszene in Kiel aufbauen.“ Hauke und Sonja verkaufen seit 2011 Bücher, die zu ihrer Kundschaft und zu ihrem Laden passen. Aber sie verkaufen nicht nur das Buch: „Wir verkaufen Emotionen. Und wir machen es authentisch, anders.“

Nach zwei Stunden Reden zieht Hauke Bilanz: Ein paar Bücher hat er heute Abend verkauft. Krimis, Science Fiction, Kinderbücher, Kochbücher, Jugendbücher, Belletristik. Die klassische Lesung funktioniert schon lange nicht mehr so richtig, erklärt Hauke resigniert. „Mit den Lesungen machen wir regelmäßig Verlustgeschäfte. Es kommt vor, dass wir statt vor ausverkauftem Haus nur zu dritt mit dem Autor hier sitzen. Und die Autoren wollen schließlich bezahlt werden.“ Da lohnt es sich fast nur, wenn der Kontakt zu Autoren mit großen Namen besteht. Auch deswegen müssen Buchhändler sich neu erfinden. Bücher sind schwerer zu verkaufen als Blumen, Schuhe oder Handtaschen.
Hauke sitzt an seinem PC und scrollt durch die Facebookseite der Buchhandlung. Er hält den Online-Auftritt auf dem neuesten Stand, aktualisiert, interagiert mit seinen 2.300 Followern. Einen YouTube-Kanal haben sie auch, genauso wie Google+ und Twitter. Der ganze Stolz: Ein eigener Blog, „Leseschatz“ hat Hauke ihn getauft. Das ist seine Art, der sich wandelnden Buchbranche zu begegnen. „Es ist ein sehr langer Prozess, aber die Chancen sind da. Das Potenzial der sozialen Medien hat der Buchhandel noch nicht ausreichend erkannt.“ Auf dem Blog bespricht Hauke Bücher, die er gerade beendet hat. Er bleibt dabei immer positiv – Plattformen für Verrisse gäbe es schon genug. „Leseschatz“ soll Lesefreude verbreiten. Hauke freut sich darüber: „Ich mache das einfach aus dem Bauch heraus und es scheint gut zu funktionieren.“

Hauke macht keine reguläre Werbung, wie es andere Buchblogger mit ihren Affiliate Links machen. Am Ende weist er nur auf seinen Onlineshop hin. Schließlich sollen auch seine Leser aus Stuttgart, München oder Hannover die Bücher lieber bei ihm kaufen, als zum Amazonas zu reisen. Allerdings wünscht Hauke sich, dass die Kunden aus Kiel in den Laden kommen, anstatt online zu kaufen.

Über den Blog hinaus denkt er sich Aktionen mit Eventcharakter aus. Wer den bloggenden Buchhändler in diesen Tagen auf der Straße mit „Hallo, Leseschatz!“ anspricht, der darf sich über ein Buchgeschenk freuen. Die Follower lieben die Aktion. Beim Büchermagazin ist Hauke regelmäßig mit „Leseschatz“ vertreten. Er liest im Literaturhaus Schleswig-Holstein. Schreibt für das Bücherjournal. Bei der Frankfurter Buchmesse zählt er dieses Jahr zu den Juroren des Blogger-Preises. Es sei viel Aufwand, aber es lohne sich. „Der Autor T.C. Boyle aus den USA hat sogar über uns getwittert! Durch meine Buchbesprechung von Die Terranauten ist er auf den Blog aufmerksam geworden. Ist das nicht cool?“
Andere Buchhändler geben nächtliche Lesestunden, lassen bibliophile Brautpaare in ihrer Buchhandlung heiraten, etablieren literarische Zirkel und die Zusammenarbeit mit Künstlern. In Neumünster gibt es die Krauskopf-Buchhandlung, die statt Tupper Bücher auf Partys bringt. Innovative Konzepte müssen her, um die Besucher für Bücher zu begeistern und die Kunden an sich zu binden. „Multi-Channel-Strategie“, nennt das Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsen-vereins des deutschen Buchhandels.
Der Buchmarkt in Deutschland machte im Jahr 2015 rund 9,2 Milliarden Euro Umsatz, die Summe hat sich seit 1970 verdreifacht. Aber in den 70ern, da gab es diese Ketten noch nicht. Da war dieses Geschäft mit dem Internet noch nicht da. Hugendubel, Thalia, Osiander, sie machen heute mehr als zwei Drittel des Gesamtumsatzes auf dem deutschen Buchmarkt. Und Buchreport berichtet vom deutschen Amazon-Umsatz: von 2010 bis 2013 gestiegen um fast 70 Prozent. Der Internetriese bestimmt den Wettbewerb, macht lieber Umsatz, als Gewinn.
„Viele Menschen wissen dabei gar nicht, dass Bücher preisgebunden sind. Sie haben immer 40, 20 Mark gekostet. Da ist ein Preis von 9,99 heute doch ein Witz!“ Und trotzdem kaufen viele bei Amazon. Das statistische Bundesamt zählt in Deutschland 3.653 inhabergeführte Buchhandlungen, die einen Jahresumsatz unter 2 Millionen Euro erwirtschaften. Dazu gehören auch Sonja und Hauke. Das ist nicht viel, denn alle kämpfen mit steigenden Handlingskosten, den Mietpreisen, dem stagnierenden Kundenzulauf.

Die Besucher von „Almut Schmidt“ kommen aus dem Ort, viele von ihnen sind Stammkunden. Sie schätzen nicht nur die Auswahl im Geschäft, sondern auch das Ehepaar Harder. „Sonja und Hauke sind super informiert, so belesen und liebenswerte Menschen“, schwärmt eine Mittfünfzigerin. „Ohne Bücher stirbt ein Ort. Der Laden steht hier wie ein kleiner Leuchtturm – er belebt unser schönes Friedrichsort.“ Die kleine Bücherwelt „Almut Schmidt“ ist mehr heimeliges Wohnzimmer denn „Rolltreppenbuchhandlung“, wie Satiriker Max Goldt es ausdrückt.
Ein Lächeln breitet sich auf den Gesichtern aus, wenn Kunden die Regalreihen betrachten, sich in den Sessel neben dem Kaffeetisch niederlassen und sich einschenken - Kekse gibt es auch. Jeder bekommt seine persönlichen Minuten mit Hauke und Sonja. Sie nehmen sich viel Zeit, schenken den Kunden echte Beratung, von Mensch zu Mensch. Die Buchhändler hören zu, stellen Fragen. Sie merken sich Vorlieben, sie wissen, dass die dreijährige Tochter wieder Geburtstag hat und ein neues Buch braucht, weil ihr das alte so gut gefallen hat. Sie tun viel mehr, als Bücher zu verkaufen. Sonja und Hauke leben für das Buch.
Online können diese physischen Interaktionen nicht passieren. Deswegen steht Hauke digitalen Angeboten wie e-Books auch kritisch gegenüber, obwohl der Umsatzanteil von e-Books am Publikumsmarkt 4,5 Prozent, also 414 Millionen Euro, ausmacht. „Ich habe keinen Reader und ich mag sie auch nicht. Ich habe einmal von einem befreundeten Autoren ein Buch als pdf-Datei gelesen, das war schrecklich. Ich muss Bücher in der Hand halten, die Seiten umblättern. Die Haptik bringt doch gerade den Wert eines Buches und einer Geschichte.“

Ein bis zwei lesen Hauke und Sonja mindestens pro Woche. Sie kennen preisverdächtige Neuerscheinungen und alte Klassiker, Liebhaberstücke und unbekannte Autoren aus Kiel und Schleswig-Holstein. Sie unterstützen Independent- und Ortsverlage. Manchmal erwarten Kunden, dass Hauke und Sonja alles gelesen haben, was sie anbieten. „Aber wie sollen wir alles können?“, fragt sich Hauke. „Bei 90.000 Neuerscheinungen im Jahr können wir nur eine begrenzte Auswahl lesen.“ Wie die Harders es schaffen, diese zusätzlichen Belastungen zu bewältigen? Für sie sei es keine Mehrarbeit. Es wäre eher die Begegnung mit neuen Bekannten und alten Freunden, die sich wie sie für Literatur, für gute Unterhaltung begeistern.
Die Harders haben sich während der Ausbildung in Kiel kennengelernt. Hauke lernte damals in der Darwartz-Buchhandlung, Sonja bei der Campus Buchhandlung. „Nach der Ausbildung konnte ich mir noch aussuchen, wo ich anfangen wollte“, erinnert sich Hauke. Heute sei das natürlich anders. Nach einigen Jahren wechselte er ins Verlagswesen, ehe er wieder in eine Buchhandlung kam. Sonja blieb bei ihrem Arbeitgeber, ehe sie bei einem Kartenhändler anfing. „Den Traum, einen eigenen Laden aufzumachen, haben wir eigentlich immer gehabt“, erzählt Hauke weiter. „Irgendwann macht man sich als Buchhändler ja meist selbstständig.“ Übernommen haben sie die Buchhandlung, nachdem die Gründer Almut und Volker Schmidt das Geschäft aus gesundheitlichen Gründen aufgaben. „Den Namen haben wir nicht geändert, er ist schließlich seit 30 Jahren ein Bezugsname in Friedrichsort“, erklärt Hauke. Schwerpunkt der Buchhandlung heute: Gute Unterhaltung für Jung und Alt, vor allem mit Romanen und Kinderbüchern.

Abseits der bloggenden Buchhändlerstrategie ist Hauke erstaunlich analog. Vierzig Minuten mit dem Rad geht es für die Harders nach Hause. Dort entspannt sich das vegan lebende Buchhändlerpaar mit den beiden Katzen vor dänischen Krimiserien. Und natürlich wird gelesen.
„Literatur ist für mich Kunst. Dabei geht es mir vor allem darum, dass ich mich in den Büchern wiederfinde. Dazu braucht es ein solides Sprachhandwerk und eine tiefe Charakterzeichnung. Wenn die Geschichte eines Buches etwas in mir auslöst, dann weiß ich, dass es gut ist.“

Sonjas und Haukes Leuchtturm im Büchermeer sendet hoffnungsvolle Signale. 2017 machen sie das erste Mal bei der Ausschreibung des deutschen Buchhandlungspreises mit. Das Ehepaar kann jetzt auf ein Gütesiegel hoffen. Und vielleicht auf eine Prämie zwischen 7.000 und 25.000 Euro. Mit diesem Geld könnten die Harders viel anfangen. Auf ihren Schultern liegt die Verantwortung, das Modell der Buchhandlungen zukunftsfähig zu halten.

Hauke springt am nächsten Morgen wieder pünktlich hinter der Kasse hervor, die erste Kundin im Blick. „Darf ich Ihnen wieder ein Buch empfehlen? Ich habe es am Sonntag gelesen und sofort gedacht: Das ist Ihr Buch. Das müssen Sie unbedingt lesen!“ Flink zieht er besagtes Buch aus dem Regal. Die Kundin freut sich. „Ein paar Jahre kennen wir uns ja schon, Herr Harder! Sie haben mir noch nie etwas empfohlen, das ich nicht mochte.“

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