Karlstal
Jan Erik von Schultzendorf       Mittwoch,19.04.2017 | 11:42 Uhr

KarlstalInterview

Körperkunst hinter Gittern

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Modul Campusredaktion I entstanden. Als Teil der Prüfung im Wintersemester 2016/17 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.


WOLFGANG K.

KÖRPERKUNST HINTER GITTERN



Wolfgang K. (64) ist Insasse der JVA Glasmoor und im offenen Vollzug. Sein Oberkörper ist von oben bis unten mit Tätowierungen verziert und das erste Gefängnistattoo stach er sich bereits im Alter von 14 Jahren. Inzwischen sind es so viele, dass er selbst die Übersicht verloren hat. Insgesamt hat Wolfgang K. fast neun Jahre hinter Gittern verbracht. Er erinnert sich während des Interviews mit Jan Erik von Schultzendorff für die Linie 11 an die Zeit im geschlossenen Vollzug zurück – und daran, dass früher fast jeder im Gefängnis tätowiert war. Er selbst hat seine Meinung zu dem Thema inzwischen vollkommen gerändert.

Warum lässt man sich im Gefängnis tätowieren?

Ganz einfach! Früher im Erziehungsheim fing das ja an. Wenn der eine was hatte, dann musste der andere das auch haben. Und so war es auch im Gefängnis. Du hast jemanden gesehen und der hatte ein gutes Bild drauf und dann wollte man das selbst haben. Und dann geht das los.

Sind Gefängnistätowierungen in den JVAs, in denen Sie waren, weit verbreitet oder gibt es mehr Insassen ohne Tätowierungen?

Eigentlich war das von den 60er-Jahren bis in die 80er-, 90er-Jahre in jedem Knast verbreitet. Da hatte jeder irgendein Bild auf der Haut.

Hat sich dieses Verhältnis im Laufe der Zeit verändert?

Damals waren in Haft die meisten tätowiert. Heute lassen sie sich ja eher draußen was stechen. Jetzt in Haft, kann ich garantieren, habe ich noch nirgends jemanden gesehen, der sich hier tätowiert hat. Es hat heute einfach keiner mehr die Sachen dafür. Und auch keiner die Ahnung mehr wie das geht! Es ist aus der Mode gekommen, sich in der Haft zu tätowieren.

Und wie genau kam man im Gefängnis an eine Tätowierung?

Naja, früher musste man sich das selbst stechen, weil man ja in einer Einzelzelle saß. Da haben wir das mit Skriptol, so einer Art Tinte, und einer oder mehreren Nadeln und Faden gestochen. Also erst hat man das natürlich aufgezeichnet und dann halt selber von Hand gestochen.

Wie sind Sie denn überhaupt an die notwendigen Utensilien herangekommen?

Damals durfte man ja noch gewisse Werkzeuge haben, deswegen lief das auch mit dem Tätowieren. Man konnte tagsüber auch nochmal offen rumlaufen, aber heute ist ja alles strenger. Abteilungsmäßig abgetrennt und so. Man ist meistens über die Leute, die in der Bücherei oder Druckerei gearbeitet haben, an die Tinte rangekommen. Man musste halt Geschäfte machen. Und dann hat man halt gependelt. Skriptol gegen Tabak und so.

Was genau, hat man denn unter „pendeln“ zu verstehen?

Also beim Pendeln nimmt man einen Bindfaden und hängt was Schweres dran, eine Schuhbürste oder irgendwas. Dann hat man einen Spiegel aus dem Fenster rausgehalten und von einem Fenster zum anderen oder nach oben oder nach unten die Sachen zu den anderen geschwungen. Spiegel brauchtest du halt, um zu sehen, ob einer die Hand raushält. Konntest dich ja schlecht durch die Gitterstäbe aus dem Fenster lehnen. Aber heute sind ja selbst die Fenster abgeschlossen, deshalb kann man nicht mal mehr pendeln.

Sie sagen, man konnte tagsüber auch mal offen rumlaufen. Hat man sich also auch gegenseitig tätowiert?

Ja, es haben sich natürlich auch Leute gegenseitig was gestochen. Wenn einer was auf dem Rücken haben wollte, dann konnte er das ja nicht alleine machen. Dann musste das schon ein anderer machen. Kostete dann natürlich auch Tabak oder Kaffee oder irgendwas. Umsonst gibt´s im Knast nichts!

Und wie sieht es bei Ihnen aus?

Bei meinen Tattoos hab ich mir oft was von anderen stechen lassen, weil die einfach besser zeichnen konnten. Manchmal hab ich mir aber auch nur was zeichnen lassen und probiert, das dann nachzustechen. Kam natürlich am Anfang erstmal nur Mist bei raus.

Gab es denn auch so eine Art „Knasttätowierer“, zu dem die Insassen gegangen sind?

Ne, so jemanden gab es eigentlich nicht. Das waren halt immer verschiedene. Man hat sich schon ausgesucht, wer was kann und wer nicht. Viele meinen immer, die können und nachher kommt da nur Pfusch bei raus. Und wenn man dann wen hatte, musstest du schon wieder bezahlen. Entweder, du bezahlst fürs gute Zeichnen oder fürs Stechen, oder man macht es eben selber. Aber auf dem Rücken geht das ja schwer. Ich meine, alles auf den Armen und Händen und so hat man halt selbst gemacht. Bloß hinten sollte man sich das machen lassen damals. Man musste da natürlich auch aufpassen! Manchmal hast du da nicht das draufgekriegt, was du wolltest.

Denken Sie dabei an ein konkretes Beispiel?

Ja, hab ich auch schon gesehen. Der eine wollte einen Frauenkopf haben und saß da nachher mit ´ner tätowierten Waschmaschine auf dem Rücken. Ja, das ist halt manchmal so. Das ist ja auch gefährlich, denn man kann sich da sonst was einfangen. Früher gab es halt dieses Skritptol und dann gab es noch Plakafarbe. Und Plakafarbe ist Gift. Die ganze Haut ist dann nachher kaputt.

Wo Sie jetzt über die Hygiene sprechen, wie sah es denn damals mit Krankheiten aus, beziehungsweise wie sieht es heute mit Krankheiten wie Aids aus?

Damals hat man die Nadeln halt mit ´nem Feuerzeug heiß gemacht und mit Zwirnfaden umzogen und dann eingetunkt in die Farbe und immer schön mit der Hand gestochen. Es gab dann mal einen Ausschlag, aber auch nur, wenn man die falsche Farbe hatte. Wie gesagt, Plaka ist gefährlich.
Und zu meiner Zeit kannten wir das Wort Aids gar nicht. Was das betrifft, würde ich mich in Haft heute auch überhaupt nicht mehr tätowieren lassen. Man weiß ja wegen dem ganzen Datenschutz-Kram nie, wer was hat oder weshalb der inhaftiert wurde. Früher gab es kein Aids, da bekam man halt mal einen Tripper oder Filzläuse, aber solche Krankheiten, wie man das heute hört, kannten wir früher nicht.

Gibt es in Deutschland eine Symbolik oder bestimmte Bedeutung hinter den Motiven?

Also irgendeine besondere Bedeutung haben Knast-Tattoos in Deutschland eigentlich eher nicht. Es gab halt mal die drei Punkte zwischen Daumen und Zeigefinger als Zeichen, dass du mal inhaftiert warst, aber mit Amerika zum Beispiel kann man das ja gar nicht vergleichen.

Was für Motive sind denn hier in deutschen Gefängnissen beliebt?

Viele haben früher das Gleiche gehabt. Es fing an mit Schwertern und Schlangen. Oder von den Beatles hatte man Gitarren und so ´nen Kram. Aber das hat man sich auch schnell wieder überstechen lassen, weil das dann auch alles irgendwann wieder Müll war und aus der Mode kam. Das Schlimmste waren die Namen von Freundinnen. Wenn man sieht, was es früher gab in Haft an Tätowierungen, war das eigentlich genau das Gleiche, was man so auf der Reeperbahn trug. Zumindest in den 70er-Jahren.

Waren Tattoos denn auch ein Zeichen der Zugehörigkeit für Knastgangs?

Solche Knastgangs wie in Amerika gibt es ja hier überhaupt nicht. In der JVA Fuhlsbüttel oder so hab ich noch nie irgendeine Gang gesehen. Idioten und Spinner, die sich von draußen kennen, gibt es überall. Aber das ist ja nicht direkt eine Gang. Also kann ich zumindest nicht so bezeichnen. Da gibt es zwar noch die Rechtsradikalen, aber die haben die Tattoos ja auch nur von draußen. Mit den Rockern und Bikern das Gleiche. Wenn du Glück hattest, werden halt mal zwei, drei auf einmal eingebuchtet. Also was heißt Glück, aber naja, das macht aus denen noch keine Knastgang und deren Tattoos kommen auch alle von draußen.
Wo es Cliquen gab, war während der 80er in Fuhlsbüttel. Als es noch die Nutella-Gang gab, also die Zuhälterbande von der Reeperbahn, aber das ist ja heute auch nicht mehr. Alle von denen, die früher auch hier waren, sind weg. Ich hab von denen noch keinen wiedergesehen. Weiß nicht, ob die jetzt alle tot sind oder was auch immer. Da kannst du sagen, da gab es mal ein paar Reeperbahngangs im Knast. Aber heute gar nicht mehr.

Waren solche Gruppen im Gefängnis gefährlich?

Die machen alle da auf Dicken, aber wenn es ´nen „Gelben“ gab, dann haben die sich alle in die Hosen geschissen. ´Tschuldigung auf Deutsch gesagt...

Gelben?

Gelb ist die Farbe von einem Zettel, der für eine Disziplinarmaßnahme steht, die dann ausgesprochen wird für irgendein Fehlverhalten.

Nun würde ich gerne noch einmal konkret zu Ihnen kommen. Wurden Sie schon einmal beim Tätowieren im Gefängnis erwischt?

Erwischt wurde ich noch nie. Aber früher wurden einem zum Beispiel die Zigaretten weggenommen oder man durfte eine gewisse Zeit nicht mehr einkaufen. Hat auch schon gereicht, wenn man die Tinte oder Nadeln bei einem gefunden hat.

Haben Sie womöglich Angehörige, die es nicht so gerne sehen, dass Sie während der Gefängniszeit etwas Tinte unter die Haut bekommen haben?

Klar, Leute, die meine Tattoos nicht mögen, gibt es immer. Ich hoffe dann, wenn ich von ihnen Besuch bekomme, dass sie es nicht so offen sehen. Allerdings – gesagt wird nie was. Ich kann es ihnen aber anmerken. Viele interessiert das wiederum überhaupt nicht. Heutzutage ist es eher wichtiger, dass man nett und höflich ist und arbeitet. Die Tätowierungen sind dabei egal. Schlimmer ist es dann, wenn einer unfreundlich und faul ist.

Sie sagen also, dass sich die Akzeptanz im Laufe der Zeit gewandelt hat?

Ja, auf jeden Fall. Früher bin ich während meiner Zeit draußen mal nach Bayern gefahren und da dachte jeder sofort, ich komme aus dem Zuchthaus. War ja auch damals so. 1964 um den Dreh war das schon schwierig in der Öffentlichkeit.

Und wie stehen Sie selber heute zu Ihren Tattoos?

Also, alles auf meinem Körper ist nicht mehr das, was es mal war. Ist ja auch viel übertätowiert, weil das alles schon ein bisschen verblasst ist. Und wenn ich nochmal sowas machen würde, auf jeden Fall nicht mehr auf den Händen. Arme ist noch okay, aber das war es dann auch. Das ist ja schon Schwachsinn hier auf den Händen. Ich meine, ist ja so, früher hat man da halt nicht so drauf geachtet. Ich hab nur drauf geachtet, dass ich nicht was am Hals mache oder im Gesicht.

Wenn Sie inzwischen so darüber denken, haben Sie sich schon mal überlegt, die Tattoos weglasern zu lassen?

Rauslasern kostet ja sogar noch mehr, als das Reinmachen und ich bezweifle, dass es dann ohne Narben oder so ein Zeug weggeht. Ein damaliger Anstaltsleiter hatte mich sogar gefragt, ob ich das nicht mal wegmachen lassen will, aber dann wurde ich entlassen und hatte die Möglichkeit nicht mehr.

Das hört sich für mich so an, als hätte sich Ihre Meinung zum Thema Tattoos beinahe grundlegend geändert?

Heutzutage haben ja auch Polizisten zum Beispiel überall Tattoos oder Piercings. Finde ich eine Schande, um ehrlich zu sein. Im öffentlichen Dienst geht das nicht!

Was halten Sie davon, dass inzwischen auch immer mehr junge Leute tätowiert sind?

Ich find das unmöglich. Mein Sohn wollte ja auch mit 14 schon seine erste Tätowierung. Er hat es dann mit allen Tricks versucht, die Mutter zu überreden oder eine Unterschrift zu ergattern. Und irgendwann seh ich dann: Da hatte er in der Zunge so ein Piercing. Da dachte ich mir auch nur: Hat er sie noch alle? Da soll er mal aufn Schrottplatz gehen! Da gibt es einen großen Magneten, da kann er sich daran hochheben lassen. Ich kann das nicht ab, wenn jemand sich die Haut mit sowas kaputt macht wie Piercings. Würde ich ja nie im Leben machen. Na gut, das hat man früher auch über Tätowierungen gesagt. Aber was heute so ist, das ist doch nicht mehr normal. Alles was unter 21 ist, finde ich unmöglich. Die wollen, genau wie wir im Heim früher, das eine haben wie der andere. Arschgeweih und was sonst nicht alles. Und heute ärgern sie sich und wollen das alles wieder wegmachen.

Meinen Sie, dass man sich heute viel zu vorschnell ein Tattoo machen lässt?

Ja! Ich denke, man sollte den ganzen Scheiß, auf Deutsch gesagt, bis zum 21. Lebensjahr verbieten. Ehrlich! Du siehst ja selbst, die meisten mit 18 haben noch nicht mal Arbeit. Die gehen ja noch zur Schule. Und dann holen die sich Tätowierungen drauf und wundern sich später, was sie für einen Scheiß haben.

Sie haben das aber gemacht, obwohl es damals nicht erlaubt gewesen ist. Vor allem nicht mit 14 Jahren?

Naja, aber da hat man ja auch die Strafen in Kauf genommen. Da waren das im Heim ja alles strenge Katholiken. Und ich halt von der Kirche nichts. Wenn du da erwischt wurdest, hast du richtig Ärger gehabt. Aber das war mir dann scheißegal, denn die Bestrafung hörte ja irgendwann auf, aber das Tattoo blieb ja da. So denk ich ja aber heute nicht mehr. Ich arbeite zwar auf dem Bau und nicht in einer Bank, aber wenn man sich das mal so überlegt, sieht das ja wohl trotzdem unmöglich aus!

Gibt es denn noch ein paar abschließende Worte, die Sie loswerden möchten?

Also die Jugend heute hält ja gern die Hand auf, aber das Wort „Arbeit“ kennen die alle nicht. Deshalb erstmal eine Arbeit finden und dann kannst du dir was stechen lassen. Ist natürlich auch nicht jeder so, aber die meisten halt schon. Demnach macht es meiner Meinung nach Sinn, so etwas erst ab 21 zu erlauben.

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