Pillauer Straße
Kobzik, Gorr, Spieck       Dienstag,07.07.2015 | 14:41 Uhr

Pillauer Straße

Gegenwind – Erinnerungen eines Schwimmmeisters

Die Schwimmhalle in Laboe kennt fast jeder Kieler. Das einzigartige Gebäude mit der großen Fensterfront steht direkt an der Förde. Seit Ende der 60er Jahre steht die Halle nun schon am Laboer Strand. Genauso lange arbeitet Gert Mißfeldt in dem Bad als Schwimmmeister. Doch nun soll sie abgerissen werden.

Nervös faltet Gert Mißfeldt einen Flyer in seinen Händen. Abermals schaut er sich das Bild auf der Vorderseite an. Darauf ist er mit anderen Mitgliedern der Pro Schwimmhalle Bewegung zu sehen. Sie alle haben sich in den letzten Monaten, mit ganzer Kraft, für den Erhalt der Schwimmhalle engagiert. Auch Gert Mißfeldt hat sein Möglichstes getan. Zu viele Erinnerungen aus den letzten 40 Jahren verbindet er mit diesem Ort, um das Meerwasserbad jetzt kampflos aufzugeben. Für ihn steht fest: die Schwimmhalle in Laboe darf nicht geschlossen werden.

Endlich ist es soweit. Die Stimmen des Bürgerentscheids sind ausgezählt. Das ist der Moment auf den der Schwimmmeister gespannt gewartet hat. In Gedanken erlebt er den Tag ein zweites Mal.

Gert Mißfeldt: Schwimmmeister
Schwimmhalle

Von Beginn an

Gert Mißfeldt ist früh aufgestanden an diesem Morgen. Er sitzt in seinem Lesesessel. Neben ihm liegt ein Fotoalbum mit Bildern und Zeitungsartikeln, die seine Zeit im Schwimmbad Laboe dokumentieren. Sein Blick fällt auf das erste Foto im Album. Es zeigt ihn bei seinem Arbeitsantritt als Schwimmmeister. Er erinnert sich an das Jahr 1969, als die Meerwasserschwimmhalle am Laboer Strand auf acht großen Betonpfeilern errichtet wurde. Sie wurde zur neuen Attraktion für Bewohner, Nachbarn und Touristen.

Damals ist er nach Laboe gezogen, um in der neugebauten Schwimmhalle arbeiten zu können. Zu seinen Aufgaben gehörten neben Schwimmunterricht auch Kurse wie Aqua Jogging oder Wassergymnastik. Zusätzlich erledigte er immer wieder unkonventionelle Arbeiten. Hierzu gehörte sowohl das Streichen der Hallendecke, als auch das Reinigen der Ansaugrohre, welche Meerwasser in die Halle pumpen.

Schon immer war Schwimmen eine seiner Leidenschaften und so zog es ihn in jungen Jahren als Schwimmmeister einmal um die Kieler Förde: von Falkenstein in die Innenstadt über den Stadtteil Gaarden bis hin nach Heikendorf und schließlich nach Laboe. Hier verbrachte er die letzten 40 Jahre. Während dieser Zeit ist eine besondere Beziehung zu seinem Arbeitsplatz entstanden.

Der Bau der Schwimmhalle war eine politsche Entscheidung der ortsansässigen Parteien. Von Planungsbeginn an wurde vor den hohen Folgekosten des Projektes gewarnt. Daran konnten auch die hohen Besucherzahlen von 480.000 Personen in den ersten drei Jahren nichts ändern. Es gelang den Betreibern der Halle nicht, die hohen Kosten zu decken. So war sie stets auf einen finanziellen Zuschuss der Gemeinde angewiesen.

Mit dem Bau weiterer Schwimmbäder in den Nachbargemeinden Schilksee und Plön sanken die Besucherzahlen stetig, was die Situation der Halle in Laboe weiter erschwerte. In den neunziger Jahren wurde sogar über eine Schließung nachgedacht. Doch Politiker und Bürger gaben nicht auf und erzielten so eine Förderung in Höhe von 2,8 Millionen Mark im Jahr 1998.

Mit dieser Hilfe konnte die Schwimmhalle modernisiert und ein attraktiveres Angebot mit Cafeteria, einem Baby-Plantschbecken und einer 24m langen Rutsche gebaut werden.

Schwimm-Bahnen

Bahn um Bahn

Gert Mißfeldt schlägt die nächste Seite des Fotoalbums auf. Er sieht das Gesicht seiner Frau und die große Überschrift aus dem Jahre 1992. Der Artikel beschreibt die Schwimmbegeisterung von Barbara Mißfeldt und das beeindruckende Tempo mit dem sie ihre Bahnen zieht. Von den 40.000 Kilometern Erdumfang hatte sie damals bereits die Hälfte zurückgelegt. Seit er vor 44 Jahren die Halle als leitender Schwimmmeister übernommen hat, besucht seine Frau das Meerwasserbad fast täglich.

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"Mir geht‘s nicht so gut, wenn ich nicht schwimme"

Damals hat sie an guten Tagen bis zu sechs Kilometer im Wasser zurückgelegt. Heute schwimmt sie ungefähr die Hälfte der Strecke, um ihren Kreislauf in Schwung zu halten. Die komplette Erdumrundung hat die begeisterte Schwimmerin mittlerweile geschafft. Das ist ihr aber gar nicht so wichtig. Vielmehr genießt sie die Zeit im Wasser, weil sie dann ihre Gedanken sortieren kann. Außerdem hält sich sich so physisch und psychisch fit. Für sie wäre ein Leben in Laboe ohne die Schwimmhalle undenkbar.

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Spielstunde

Herr Mißfeldt blättert weiter und lächelt. Ein altes Foto zeigt seinen damals dreijährigen Sohn Andre beim Tauchen. Er war vom Säuglingsalter an mit in der Schwimmhalle und konnte sogar schon schwimmen, bevor er laufen konnte. Für ihn war das Bad ein Spielparadies, in dem er einen Großteil seiner Kindheit verbrachte. Neben dem Schwimmen gab es noch viele andere Möglichkeiten sich zu beschäftigen. Andre tauchte nach Ringen oder entspannte sich auf der Wärmebank.

Wie auch seinen Vater verbindet ihn eine starke Leidenschaft mit dem Wasser. Schon früh bestand er die Abzeichen Freischwimmen, Fahrtenschwimmen und Jugendschwimmschein. Diese entsprechen den heutigen Abzeichen Bronze, Silber und Gold. Bei der Vorbereitung zu den Prüfungen, hat Herr Mißfeldt ihn immer gern unterstützt.

Der Schimmmeister denkt oft an die Zeiten zurück, in denen er auch anderen Kindern das Schwimmen beibrachte. Kleine Erfolge machen die Kinder und besonders die Eltern sehr stolz. Es ist für Herrn Mißfeldt immer wieder eine Freude gewesen, sie dabei zu begleiten.

„Das ist die perfekte Halle“

Auch heute kümmert er sich noch intensiv um seine Patenkinder. Maria (8) und Nadja (13) sind ebenfalls begeisterte Schwimmerinnen geworden und besuchen Herrn Mißfeldt regelmäßig in der Halle. Beide sind aktive Leistungsschwimmerinnen und haben mehrmals in der Woche Training.

3_A_Maria_Nadja

Für sie ist die Schwimmhalle seit der Geburt ein fester Bestandteil ihres Lebens. Um die Schließung zu verhindern, haben sie bei einer Coverversion des Songs „Perfekte Welle“ der Band Juli mitgesungen. Mit der Aktion wollten sie möglichst viele Laboer auf die Situation der Schwimmhalle aufmerksam machen. Auch um ihretwillen engagiert Herr Mißfeldt sich bei Pro Schwimmhalle Laboe.

1_Titelbild_Pro

Widerstand

Der Schwimmmeister blättert ein weiteres Mal um. “Die Schwimmhalle gehört zu Laboe!”, “Hier habe ich schwimmen gelernt.”, “Klasse! Hier können wir auch bei Schietwetter baden!” Die Postkarte mit den Zitaten, welche für den Erhalt des Bades sprechen, fällt ihm als erstes ins Auge. Auf dieser Seite des Albums hat er Erinnerungen aus den letzten zwei Jahren gesammelt. Während dieser Zeit hat sich der Konflikt um die Zukunft der Schwimmhalle in der Gemeinde immer weiter zugespitzt.

Durch die 1998 im Bad durchgeführten Modernisierung gelang es nicht dem Besucherrückgang entgegen zu wirken. Im Vergleich zu anderen Erlebnisbädern war die Halle in Laboe mit ihrem begrenzten zweckgebundenen Angebot einfach nicht mehr zeitgemäß. Dies führte dazu, dass das finanzielle Defizit auf 280.000€ jährlich wuchs. Mit steigenden Kosten schwand die Bereitschaft der Gemeinde den Betrieb der Halle weiterhin aufrecht zu erhalten. Es wurde offen über eine Schließung nachgedacht. Doch wie schon in den 90er Jahren wollten Gert Mißfeldt und viele andere Laboer ihre Halle nicht aufgeben und so regte sich Widerstand.

2_A_Postkarte

Im Jahre 2012 gründete sich eine Bürgerinitiative, welche bald zu einem Förderverein für die Schwimmhalle weiterentwickelt wurde. Um die Gemeinde finanziell zu entlasten, wurde ein Konzept mit Vorschlägen zur Kostensenkung entwickelt. Außerdem wurde der Vorschlag gemacht, die Halle durch Bürgerhand mit ehrenamtlichen Mitarbeitern betreiben zu lassen.

Dieses Konzept konnte die Gemeinde allerdings nicht überzeugen. Nach ihrer Ansicht seien die Risiken einer solchen Umstrukturierung größer als der entstehende Nutzen. Die Geimdevertreter hielten deshalb weiterhin an ihrem Entschluss fest, den Betrieb der Halle einzustellen. Nun blieb der Pro Schwimmhallen Bewegung nur noch ein Mittel, um die drohende Schließung zu verhindern: sie beantragten ein Bürgerbegehren. Alle Laboer sollten mitentscheiden was mit dem Meerwasserbad in ihrem Ort geschieht.

Nachdenklich blickt Gert Mißfeldt auf. Heute ist dieser Tag gekommen. Den ganzen Vormittag konnte abgestimmt werden und nun wird das Ergebnis im Rathaus verkündet. Er legt das Album zur Seite und macht sich auf den Weg.

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Entscheidung

Der Vorsitzende des Wahlausschusses tritt vor und stellt sich an das Rednerpult. In seinen Händen hält er den Zettel mit den Ergebnissen der Auszählung. Als die Zahlen vorgelesen werden, hält der ganze Saal den Atem an. 60.2% der Stimmen sprechen sich für den Erhalt der Halle aus.

Doch Gert Mißfeldt weiß natürlich auch was das bedeutet. Der Bürgerentscheid hat eine Bindungsfrist von zwei Jahren. Während dieser Zeit müssen Lösungen für die finanziellen Probleme der Halle gefunden werden. Das Meerwasserbad muss ein breiteres Angebot entwickeln, um mehr Besucher zu gewinnen. Ihr Engagement für das Bad muss weitergehen.

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