Pillauer Straße
Lene Rusbült       Donnerstag,22.10.2015 | 18:26 Uhr

Pillauer Straße

Ein Leben mit vier Sinnen

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Modul Campusredaktion II entstanden. Als Teil der Prüfung wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.

Porträt über Niels Luithardt – ein blinder Student aus Kiel

„Noch etwas weiter oben und mehr nach rechts!“. Geübt tastet Niels Luithardt mit seinen Händen nach einem grünen Griff, schräg über seinem Kopf. Schließlich hat er ihn gefunden, sucht nun mit den Füßen nach einem geeigneten Vorsprung um sich abzustoßen. Von unten bekommt er immer wieder Anweisungen zugerufen, Tipps, wo sich der beste Vorsprung befindet. „Ein Griff noch, dann bist du oben angekommen!“. Luithardt berührt mit seiner rechten Hand die Decke der Kletterhalle der Fachhochschule Kiel und lässt sich wieder abseilen. Als er unten ankommt ist er erschöpft, jedoch auch stolz auf das, was er gerade geschafft hat. „So langsam kehrt Routine ein, ich habe schon wesentlich weniger Anweisungen gebraucht, als am Anfang“, erklärt er, während das Seil von seinem Sicherungsgurt entfernt wird. Einmal die Kletterwand hoch bis unter die Decke und anschließend wieder runter- was sich für andere schon nach einem Drahtseilakt anhören mag, erweist sich für Luithardt als eine noch größere Herausforderung. Denn Luithardt ist blind.

Verursacht durch die Krankheit Toxoplasmose kam der 31-jährige bereits mit einer Sehbehinderung auf die Welt. Bei genannter Krankheit geht der Erreger, der eigentlich Tiere befällt, auf den Menschen über. Ist die Erkrankung an Toxoplasmose für einen gesunden Menschen meist harmlos, so erweist es sich für Schwangere als problematisch, da der Erreger auf das ungeborene Kind übergehen und somit schwere Schäden verursachen kann – so passierte es auch im Falle Luithardts. Ein Mensch erblindet durch eine Krankheit nicht von heute auf morgen, sondern es ist ein langwieriger Erblindungsprozess. Bei Luithardt begann dieser Prozess ab dem Jahre 2006, in dem seine ohnehin schon eingeschränkte Sehkraft immer mehr nachließ. Seit dem Jahre 2009 ist er nun komplett erblindet. Trotz seiner Sehbehinderung in der Kindheit, ist er wie jedes andere Kind auf eine ganz normale Grundschule gegangen, später auf ein Gymnasium, wo er sein Abitur meisterte. „Natürlich konnte ich nicht alles mitmachen, was meine Mitschüler und Freunde gemacht haben, aber mit den richtigen Tricks war auch für mich vieles möglich“, erzählt Luithardt. Beim Fußballspielen wurde stets ein greller Ball benutzt, den auch Luithardt erkennen konnte. Fahrradfahren war für ihn zwar nicht alleine möglich, jedoch ist er mit seinem Vater oft Tandem gefahren, ein Fahrrad, auf dem hintereinander zwei Leute Platz haben und bei dem nur die vordere Person lenkt.

Die Trinkpause ist beendet, Luithardt nähert sich einer anspruchsvolleren Route. „In der sogenannten Kaminroute fühlt Niels sich sicher. Er ist sie schon oft hochgeklettert und durch ihren Verlauf direkt an einer Ecke kann er seinen ganzen Körper zur Hilfe einsetzen, diese Route hier mit dem Überhang, ist jedoch wesentlich schwerer“, erklärt Professor Doktor Thomas Martens, Ansprechpartner des Kletterkurses und Lehrender am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der Fachhochschule Kiel. Die Idee eines Kletterkurses für Blinde kam ihm durch seinen blinden Nachbarn. „Da die Halle für den Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ erbaut wurde, dachte ich mir, dass sie dann auch für einen sozialen Zweck genutzt werden sollte“. Und so entstand das Projekt. Erst war Niels der einzige Teilnehmer, dann kamen immer mehr Blinde und Sehbehinderte dazu. Inzwischen ist Luithardts Gruppe mit der Klettergruppe der Fachhochschule Kiel vermischt. „Eine sehende Person ist für mich Voraussetzung, da ich Anweisungen brauche, wo sich der nächste Griff oder Vorsprung befindet. Eine blinde Person könnte mir das nicht sagen“, sagt Luithardt, während er das Sicherungsseil gekonnt an seinem Gurt befestigt.

Eine sehende Person ist Luithardt nicht nur beim Klettern eine Hilfe, auch in seinem Unialltag wird er begleitet. Seit dem Jahre 2003 ist Luithardt Student an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, studiert dort Mathe und Physik auf Diplom. Natascha Jürgens leistet Bundesfreiwilligendienst und steht Luithardt seit September 2014 in Sachen Mobilität in der Uni zur Seite. „Niels und ich verstehen uns super, es fühlt sich nicht wie Arbeit an, eher, als würde ich mich mit einem Freund treffen“, so Jürgens. Auch bei seiner Arbeit im Asta und als Inklusionsbeauftragter wird Luithardt von Jürgens unterstützt. „Ich helfe Niels bei Arbeiten am PC, oder beim Kopieren“, so Jürgens. Wie gut Luithardt jedoch auch ohne Hilfe am PC klarkommt wird deutlich, wenn man einen Blick auf seinen Arbeitsplatz wirft. Auf seiner Tastatur sind auf bestimmte Buchstaben zur Orientierung kleine Klebepunkte angebracht. Auf seinem PC ist ein Sprachprogramm installiert, dass ihm vorliest, welche Programme sich auf seinem PC befinden. Auch mit dem Handy umzugehen ist für Luithardt kein Problem. „Ich benutze ein ganz normales IPhone 6, das hat die „Voice-Over“- Funktion und funktioniert somit wie die Sprachausgabe auf meinem PC“, erklärt Luithardt. Außerdem hat er auf seinem Smartphone spezielle Mobilitätsapps installiert, die ihm helfen den nächsten Supermarkt, das nächste Restaurant, oder auch einfach nur die nächste Kreuzung zu finden. Seit neuestem hat er nun auch eine portable Braille-Zeile für sein IPhone, die ihm ermöglicht, Texte mit Hilfe der Blindenschrift zu schreiben.

Aber nicht nur in der Uni, auch im Alltag hat Luithardt sich bestimmte Hilfsmittel vertraut gemacht. Wenn er einmal nicht in der Uni zu Mittag isst, sondern sich selbst etwas kocht, benutzt er eine Barcode Scanner App, die ihm vorliest, welches Produkt er gerade in den Händen hält. Auch Gesellschaftsspiele sind für Luithardt keine Unmöglichkeit. Ob Kartenspiele mit Blindenschrift, Schachbretter mit unterschiedlich hohen Feldern und Strukturen, oder Kniffel, bei dem die Augenzahlen plastisch auf den Würfeln angebracht sind- die Produktpallette an Gesellschaftsspielen für Blinde ist weitreichend.

Luithardt hat bereits die ersten zwei Meter der Route erklommen. Nun gelangt er zu dem Überhang. Er greift nach dem nächsten Griff, verfehlt ihn jedoch knapp und rutscht ab. Langsam lässt er sich auf den Boden abseilen. Doch Luithardt lässt sich von dem kleinen Zwischenfall nicht entmutigen, sondern setzt an, um die Route noch einmal auszuprobieren.

Auch in der Uni hat Luithardt gewisse Hürden zu überwinden. Was für einen sehenden Menschen zur Selbstverständlichkeit gehört, bereitet Luithardt große Schwierigkeiten oder ist gar unmöglich. In den Vorlesungen hat er ein Aufnahmegerät laufen, das alles aufzeichnet, da es für Luithardt undenkbar ist mitzuschreiben. Die Mitschriften von Kommilitonen kann er nur verwenden, wenn sie in digitaler Form vorliegen. Auch Situationen die für einen sehenden Menschen lediglich fünf Minuten in Anspruch nehmen, wie etwa ein Raumwechsel zwischen zwei Vorlesungen, ist für Luithardt nicht ganz einfach zu handhaben. „Ganz normal von A nach B zu kommen ist für mich ohne die Hilfe von Natascha sehr schwer. Ich würde mich oft verlaufen und müsste für die kleinsten Wege schon sehr große Zeitpuffer einrechnen“, so Luithardt. Oft ist für ihn schon eine Vorlesung ausgefallen, wenn Jürgens krank war, oder jemanden vertreten musste und somit Niels nicht helfen konnte. Da die Mobilitätshilfe jedoch eine freiwillige Hilfe des Studentenwerk Schleswig-Holsteins ist, besteht bei einem solchen Ausfall für Luithardt kein Anspruch auf Ersatz.

Luithardt lässt sich wieder abseilen- den überhang konnte er heute noch nicht meistern. Die Kletterwand zu erklimmen ist die eine Sache, selbst die Person zu sein, die sichert, etwas anderes. Doch auch dieser Aufgabe ist Luithardt gewachsen. „Es gehört sehr viel Vertrauen dazu, wenn eine sehende Peron sich von mir sichern lässt, denn als Blinder kann man schließlich nicht sehen, wenn der Partner unsicher wird und abzurutschen droht“, erklärt Luithardt. Für ihn ist es deswegen wichtig, das Seil durchgängig straff zu halten. Auch wenn die meisten Leute mit Luithardts Blindheit umgehen können, gibt es auch jene, die es weniger können. „Da gibt es beispielsweise diejenigen, die besonders Hilfsbereit sein wollen und dann einfach meinen Arm packen und mich über die Straße ziehen, obwohl ich gar nicht hinüber wollte“, erzählt Luithardt. Einen besonders groben Zwischenfall habe es gegeben, als ihn ein Rentner beschimpfte, dass so etwas wie er vergast gehöre.

Luithardt hat seinen Partner nun wieder abgeseilt. Erschöpft lässt er sich zu einer Sitzbank führen und löst seinen Sicherheitsgurt. „Ich bin fertig- für heute jedenfalls“, sagt Luithardt. Am folgenden Abend wird er wieder klettern gehen. Irgendwann wird er die schwere Route mit dem Überhang meistern können, denn eines ist klar: So schnell lässt sich Luithardt nicht entmutigen.

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