Eichhofstraße
Lisa Strobel       Mittwoch,25.05.2016 | 19:46 Uhr

Eichhofstraße

Eigenkreation

Dieser Beitrag ist als freiwillige Leistung in der Lehrredaktion am Fachbereich Medien entstanden.

Headerbild des Artikels Eigenkreation. Links im Hof auf der Fensterscheibe.

Ich habe ein absolutes Frauenproblem! Mein Kleiderschrank ist voll, aber mir gefällt nicht, was ich da sehe. Am liebsten würde ich einen großen Shopper schultern und zum Einkaufen in die Stadt fahren, doch der Geldbeutel klappt sich meist von allein wieder zu, wenn sich der übervolle eigene Kleiderschrank öffnet. Aber was soll ich machen? Es hilft ja nichts – ich kann nicht einfach zum großen Müllsack greifen und einmal mit dem langen Arm durch die Regale streifen. Die Sachen sind dafür zu schade. Deshalb schmeiße ich die Kleidung nicht in den Altkleidersack, sondern in die Trickkiste.

Kleiderstaender_vorherKleiderstaender_nachher

Beim Blick in meinen Kleiderschrank würde ich am liebsten alles in einen großen Müllsack werfen. Doch gewusst wie: Mit Siebdruck kann man alten Kleidungsstücken zu neuem Glanz verhelfen.

Ärmel hochkrempeln, selbst ist die Frau! Die Do-It-Yourself-Kultur bietet viele Lösungen für mein Kleiderproblem. Heimwerken bedeutet kreativ sein, eigene Ideen umsetzen und ganz nebenbei auch noch ein bisschen Geld sparen. Da mich Nadel und Faden allerdings schlichtweg gefährden würden, entscheide ich mich für ein Siebdruckverfahren. Es verspricht einfache Umsetzung und außerdem gute Resultate. Das hört sich perfekt an für Grobmotoriker und Kunstanfänger. Direkt vor Ort in Kiel gibt es sogar mehrere Siebdrucker, die ihr Handwerk ausüben. Die Siebdruckerinnen Antonia und Wiebke laden mich ein in ihre Werkstatt „links im Hof“ – und weihen mich in ihre Geheimnisse ein.

Wiebke, Mitarbeiterin Antonia, Mitarbeiterin

Wiebke (links) und Antonia (rechts) von "links im Hof“ in ihrem Laden.

Ich hüpfe rüber in den Grasweg 8 und öffne die schwere Glastür der Siebdruckwerkstatt. Es ist dunkel und eine Belichtungsmaschine brummt. Antonia ist schon eifrig am Werkeln und begrüßt mich herzlich. Sie erzählt mir, dass sie und Wiebke die Werkstatt vor zwei Jahren eher aus experimenteller Lust und Tollerei gegründet haben – bis dann der große Boom kam. Mittlerweile existiert ein eigener Laden, ein Onlineshop ist in Arbeit und viele Auftragsarbeiten und Workshops bestimmen das quirlige Treiben in der Werkstatt.

Mich beeindrucken die großen Maschinen und die filigranen Produkte, die von den Künstlerinnen produziert werden. Eine Faszination geht von den Farben und Materialien aus. Wiebke und Antonia erzählen mir, was für sie diese Atmosphäre ausmacht.

Wiebke: Es ist ein Handwerk, das Tradition hat und vor allem durch die neue Handmade-Kultur wiederbelebt wurde. Die Produkte werden zu Unikaten.

Antonia: Ich finde auch toll, dass man super experimentell arbeiten kann. Mich begeistert immer wieder, dass man so viele Sachen kombinieren kann: Schrift, zarte Linien oder Flächen.

Der Siebdruck hat auch eine ganz besondere Haptik. Der Druck fühlt sich ganz anders an, als bei vergleichbaren Druckweisen. Manchmal ist er eben auch nicht so perfekt und glatt.

Die Beiden legen natürlich auch bei ihrer Materialauswahl besonderen Wert auf gute Qualität und nachhaltige Verarbeitung. Sie kaufen beispielsweise nur T-Shirts, die zu 100 Prozent Fair Trade sind. Ihre Produkte lassen sie dann hier in Kiel umnähen. Durch die lokale Verarbeitung und viele Kooperationen mit ortsansässigen Unternehmen versuchen sie so, eine besonders nachhaltige und umweltfreundliche Firma zu sein.

Antonia:Wir haben zum Beispiel auch naturfarbene Handtücher, die aus einer Leinenweberei in Kiel kommen. Den Filz, den wir bedrucken, bekommen wir vom Studio 38. Das ist auch eine unserer kleinen Kooperationen hier. Zum Bedrucken von Heften nehmen wir eigentlich nur Umweltpapier. Wir sind auch immer noch auf der Suche nach Apfelpapier. Das ist Papier, das aus Apfelschalen hergestellt wird. Das habe ich neulich mal in einem veganen Kochbuch gesehen. Wir versuchen immer, neue Produkte auszuprobieren, denn wir produzieren nicht Masse, sondern Qualität.

Links im Hof Kissen

Typisch nordische Motive setzen die beiden auch gerne auf Kissenhüllen um.

Erfreut erzählen mir die kunstbegeisterten Frauen von ihren Erfahrungen, die sie auf verschiedenen Designmärkten gemacht haben – und davon, wie unterschiedlich manche Siebdrucker an die Materialienauswahl herangehen.

Wiebke:Wir hatten zum Thema Nachhaltigkeit auch eine ganz tolle Erfahrung auf dem Hamburger Designmarkt. Wir waren schon ein wenig frustriert, weil wir so wenig verkauft haben. Dann kam plötzlich jemand, der sagte: „Ich finde das so toll, was ihr hier macht. Eure Sachen halten, die Handtücher werden bestimmt 30 Jahre alt.“ Und das ist doch eigentlich ein echtes Argument für Nachhaltigkeit: Gute Qualität. Von der Kurzlebigkeit der Produkte haben wir nichts.

Das ist mein Stichwort – ich fühle mich berufen, meinen Altkleidersack nochmal zu durchwühlen und mein Projekt „Eigenkreation“ später wirklich in die Tat umzusetzen. Wiebke und Antonia hatten selbst auch schon Gefallen gefunden an der Idee, Second Hand Kleidung zu bedrucken. Doch für sie stellte sich schnell heraus, dass sich der Wiederverkauf schwierig gestaltet. Es kamen viele Leute zu uns in den Laden und haben gefragt: „Habt ihr den Rock nicht in Gelb? Oder in 36?“ Deshalb kaufen wir keine Kleidung ein, sondern die Leute bringen ihre eigenen Sachen mit und dann bedrucken wir sie hier“, erzählt Antonia begeistert.

Es ist gerade kurz vor Weihnachten und die Besitzerinnen von „links im Hof“ sind schwer beschäftigt mit der Weihnachtskartenproduktion und vielen anderen selbstgemachten Geschenkideen. Ich schließe die Werkstatttür hinter mir und lasse sie in ihrer Adventswerkstatt weiterarbeiten.

Links im Hof Elch Siebdruck

Am Ende meines Besuches in der Werkstatt bedrucken wir Weihnachtskarten.

Doch das Kapitel „Wie bringe ich meine alten Klamotten zu neuem Glanz?“ ist damit noch lange nicht abgeschlossen. Auf Worte folgen Taten: Ich schütte meinen Berg an Kleidern vor mir auf den Boden und picke mir ein altes blaues T-Shirt heraus. Das Reh-Motiv auf der pinken Weihnachtskarte hallt noch in meinem Kopf nach und deshalb mache ich mich gleich auf die Suche nach einem ähnlichen Bild für mein T-Shirt.

Was man die ganze Zeit schon vor der Nase hat, fällt einem manchmal erst auf, wenn man ernsthaft danach sucht. Und so geht es auch mir, als mich Petra Langmaack, Dozentin an der Fachhochschule Kiel, auf die Siebdruckwerkstatt im Fachbereich Soziale Arbeit aufmerksam macht. Gerne nehme ich ihr Angebot an, mein T-Shirt dort zu bedrucken.

Katharina Sander,
Nachhaltigkeitskoordinatorin der FH Kiel erzählt,
wie die Fachhochschule Nachhaltigkeit unterstützt
und Siebdruck ermöglicht. (Audio Spur)

Normalerweise dürfen nur Studenten des Fachbereichs Soziale Arbeit die Siebdruckanlage benutzen – doch für Petra Langmaack und die Medien-Studierenden, die an der Produktion des Studenten-Magazins „Plietsch“ mitwirken, wird eine Ausnahme gemacht. Die Werkstatt ist gut ausgestattet, mit mehreren Werkbänken, Sieben, Farbe und Pinseln. Sogar eine Waschstation und einen Platz, um eigenen Rahmen für die Siebe zu bauen, gibt es. Ein Belichtungstisch ist trotzdem nicht vorhanden und deshalb beauftragen wir die Firma „links im Hof“, unsere Siebe herzustellen.

Antonia fasst das Verfahren wie folgt zusammen:

Antonia: Das Sieb muss zuerst mit einer Kopierschicht beschichtet werden. Dann muss es zwei Tage im Dunkeln trocken. Danach legt man seine Vorlage darauf und bringt das Ganze auf den Belichtungstisch. Die Vorlagen müssen immer ganz schwarz sein, denn alles, was schwarz ist, wird gedruckt. Dann wird belichtet, wodurch eine Art Schablone entsteht. Das Sieb wird getrocknet, abgeklebt und daraufhin kann gedruckt werden. Unser Werkzeug dafür ist die Rakel. Man flutet das Sieb mit Farbe und streicht dann mit der Rakel darüber. Wenn man den fertig bedruckten Stoff dann noch bügelt, kann man ihn sogar waschen.

Gesagt, getan. Ich schnappe mir mein altes T- Shirt und klebe mein Elch-Motiv auf dem vorgefertigten Sieb ab. Ich entscheide mich für eine neutrale Farbe und flute damit das Motiv auf dem Sieb. Zweimal kräftig mit der Rakel darüber streichen und fertig ist mein neues Designerstück. Natürlich bügele ich auch noch über meine Eigenkreation, denn ich möchte das neue T-Shirt nicht nur einmal anziehen können.


Slideshow: Vom alten T-Shirt über die Druckverfahrensschritte zum neuen T- Shirt

Erstaunlicherweise hat wirklich gestimmt, was zu Anfang behauptet wurde: Mit wenig Aufwand ist ein schönes, neues Produkt entstanden. Man musste keine großartige künstlerische Begabung haben, um ein gutes Resultat einfach zu erzielen. Und trotzdem ist aus meinem T-Shirt ein Unikat geworden, das sonst keiner in seinem Kleiderschrank hat. Deshalb räume ich meinen Kleiderberg auf dem Boden wieder auf und lege die Klamotten zurück in den Schrank.

Die Zeit für den Kleidersack ist noch nicht gekommen. Die Siebdruckpresse wartet.

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