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Marc Schulz, Niels Kühn, Jan-Michael Böckmann       Dienstag,30.06.2015 | 13:36 Uhr

HDWSynergetische Publikationsformen 2015

Die Schwentineflotte

Die Schwentineflotte

Der alternative Hafen und seine Bewohner

von Marc Schulz, Niels Kühn und Jan-Michael Böckmann

Ein grauer Herbsttag an der Kieler Förde, ein leichter Nieselregen weht einem ins Gesicht. Wir sind zu Besuch im Hafen von Stickenhörn, einer kleinen Ansammlung von Hausbooten versteckt zwischen einem verlassenen Marinestützpunkt und Werftgelände.

Ein grauer Herbsttag an der Kieler Förde, ein leichter Nieselregen weht einem ins Gesicht. Wir sind zu Besuch im Hafen von Stickenhörn, einer kleinen Ansammlung von Hausbooten versteckt zwischen einem verlassenen Marinestützpunkt und Werftgelände.

Hafenatmosphäre

Was ist Glück?

Unser Gastgeber heißt Martin, er wohnt auf etwa 9 Quadratmetern in seiner in die Jahre gekommenen Yacht, ohne direkte Verbindung zu sanitären Anlagen, nur mit einem Ofen als Heizung. Sein Gesicht ist vom Leben gezeichnet, tiefe Falten bilden sich heraus - er wirkt müde.

Würden Sie ihm glauben, wenn er mit einem Lächeln auf dem Gesicht sagt, dass er ein glückliches Leben führt?

Aber fangen wir von vorne an.
Was bedeutet Glück für uns konkret?

Forscher haben schon vor langer Zeit herausgefunden, dass Glück (weltweit!), wenn man erst einmal über die Armutsgrenze hinausgekommen ist, in keinem erkennbaren Maß mit Geld, Einkommen und Konsummöglichkeiten zusammenhängt. Auch wenn wir es kaum glauben wollen: Es gibt keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Geld und Glück.

Martin Liebster

Martin Liebster

Aber warum arbeiten wir dann so viel?Laut der Stiftung Eurofound machen die Deutschen die meisten Überstunden in der EU.

Harvard Professor George E. Vaillant beantwortet die Frage nach dem Glück eher mit Familie oder Freundschaft.

Aber warum verbringen wir dann unsere Zeit mit Facebook und Fernsehen?

Prof. Ruckriegel von der TH Nürnberg ergänzt noch Gesundheit, eine Aufgabe die sinnstiftend ist und persönliche Freiheit zu den Dingen, die Menschen brauchen, um glücklich zu sein.

"persönliche Freiheit"

"persönliche Freiheit"

Klassische Musik

Ein Leben auf dem Boot

Wir haben uns auf die Suche nach einem Ort gemacht, an dem die Menschen versuchen, diese Vorstellungen von Glück zu leben: mit wenig Geld, viel Zeit und einer starken Gemeinschaft. Aber auch der Möglichkeit, jederzeit die Zelte abzubrechen und die Welt zu bereisen, immer am Meer und mitten in der Natur zu sein.

Wie wäre das Leben zum Beispiel auf einem Boot, in einem Hafen voller Gleichgesinnter, die sich auch diesen Traum erfüllt haben?

Gefunden haben wir den Ort versteckt in der Kieler Bucht. Abseits vom Lärm der Stadt.

Sind die Menschen, die dort leben, wirklich glücklicher als wir - mit unserem geregelten Leben, festen Wohnsitz und unserem Geld?

"Mit dem Boot bin ich eher glücklich..."

Martin sitzt entspannt an seinem kleinen Holztisch. Das Wohnzimmer schaukelt leicht hin und her, wie es auf einem Boot üblich ist. Mit ruhigen Bewegungen packt er seinen Tabak aus und dreht sich eine Zigarette. Dabei fängt er an zu erzählen.

"Ich konnte mir zu Beginn auch nicht vorstellen hier zu leben,…"

Martin Liebster wohnt seit 5 Jahren mit seiner Katze Muffelmaus im Hafen der Schwentine Flotte. Mit seinem grauen Bart, der bunten Strickmütze und den langen Haaren erinnert er stark an einen Alt-68er. Nun sitzt er in seiner gemütlichen Sitzecke im Bauch seines Bootes. Das Schiffsinnere, etwa so groß wie ein Wohnwagen, ist mit Holz ausgekleidet und hat schon bessere Zeiten gesehen.

Martin hat ein unruhiges Leben hinter sich, mit vielen Krisen. Er hielt es nirgendwo länger als 2 Jahre aus.

Martin Liebster, 56, Mitglied der Schwentine-Flotte

Martin Liebster, 56, Mitglied der Schwentine-Flotte

Martins Katze „Muffelmaus“

Martins Katze „Muffelmaus“

Laut Harvard Professor George Vaillant eigentlich keine gute Voraussetzung für ein glückliches Leben. Wer schon häufiger Tiefs in seinem Leben hatte, ist auch wenn er älter wird, mit seinem Leben oft unglücklich.

Erst im Alter von 50 Jahren fand Martin in Stickenhörn seinen Hafen. Nun stellt sich die Frage, was ist das für ein Ort, dieses Stickenhörn? Die Geschichte, wie Martin zu seinem Boot kam, gibt einen guten Einblick in das Ortsgeschehen...

Das ist mein Boot...

"Das ist mein Boot..."

Martin wägte nicht die Vor- und Nachteile ab, sondern stimmte dem Kaufvertrag mit dem Mann aus dem Nachbarhafen sofort zu.

Der Psychologe Ap Dijksterhuis schreibt dazu in der PM, dass spontane Entscheidungen nicht unbedingt falsch sind.

Wer lange abwägt, wird überdurchschnittlich oft mit der neuen Anschaffung unglücklich, einfach weil er über die Alternativen, die oft nicht besser oder schlechter sind, nachdenkt.

Martin konnte sein Glück kaum fassen. Er verschenkte sein altes Boot und zog in das neue. Schon nach kurzer Zeit realisiert er, dass das neue Boot baufällig und nicht für den Winter geeignet ist. Da er nur unregelmäßig arbeitet und auf Sozialhilfe angewiesen ist, fehlt ihm das notwendige Geld für die Renovierung. Doch das Arbeitsamt sieht das anders, das dringend für den Ofeneinbau benötigte Geld wird ihm verweigert. Inzwischen ist es Mitte November. Der erste Frost hat eingesetzt und Martin hat nur einen kleinen Heizlüfter.

"Das Dringendste im Moment ist ein Ofen..."

Die meisten hätten zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung bereut, doch Martin kann sich auf die Gemeinschaft des Hafens verlassen, denn die Hafenbewohner halten zusammen und lösen Probleme gemeinsam.

Die Hilfsbereitschaft untereinander gleicht fehlendes Geld aus, so ersteigert ein Freund für ihn einen Ofen für 99,00 € bei ebay und ein anderer hilft ihm beim Einbau.

Ap Dijksterhuis, Psychologe

Ap Dijksterhuis, Psychologe

Dem Einkommen kommt – zumindest in den westlichen Industrieländern – nicht einmal mehr eine herausgehobene Bedeutung zu. „... unser Glück hängt vor allem davon ab, wie unsere Beziehungen zu anderen Menschen aussehen. Wenn wir nicht erkennen, wie schnell uns unsere materiellen Besitztümer langweilen, dann geben wir zu viel Geld für ihre Anschaffung aus, und zwar auf Kosten unserer Freizeit. Wir unterschätzen gern, wie schnell wir uns an neue Gegenstände gewöhnen; die Folge ist, dass wir viel zu viel Zeit darauf verwenden, zu arbeiten und Geld zu verdienen, und andere Aktivitäten vernachlässigen.“

7_ Steg

Was ist das für ein Hafen?

Eigentlich ist in Deutschland das Leben auf Schiffen verboten, jedenfalls dauerhaft. Wir treffen einen der Gründer der Schwentineflotte, Jürgen Dollase, von allen nur „Doddel" genannt, auf seinem Segelboot.

Doddel setzte sich zusammen mit seinen Mitstreitern energisch für den Erhalt des Hafens ein. Obwohl er schon Ende 50 ist, trägt er immer noch einen schwarzen St. Pauli Kapuzenpullover. Protest und Auflehnung gegen die gesellschaftlichen Konventionen waren ihm schon immer wichtig. Er sieht den Hafen nicht als Kommune, sondern als Ansammlung verschiedenster Menschen.

Doddel - Hafenmeister

"Das ist entstanden aus der Not..."

Die Bewohner engen sich nicht gegenseitig ein, wie es in Kommunen oft der Fall ist. Wer von den Anderen mal genug hat, kann sich auf sein eigenes Boot zurückziehen oder einfach davon segeln.

Ein weiterer wichtiger Punkt, den Prof. Ruckriegel bei seiner Glücksforschung herausgefunden hat: Menschen brauchen ein gewisses Maß an persönlicher Freiheit.

Doddel hat eine pragmatische Sicht auf den Hafen, ein Paradies oder eine Insel der Glücklichen sieht er nicht.

Hafenmeister "Doddel"

Hafenmeister "Doddel"


Inzwischen ist es Mitte Dezember und spürbar kälter geworden – jetzt machen sich die Entbehrungen beim Leben auf dem Boot besonders bemerkbar. Jeder Gang zum gemeinschaftlichen Waschcontainer führt durch die eisige Kälte. Auch wenn Martins Ofen jetzt heizt, kriecht die Kälte durch die wenig gedämmten Bordwände in das Schiffsinnere. Im Vergleich zu einer Sozialwohnung ist das Leben auf dem Boot sehr beengt. Hinzu kommen immer wieder unvorhersehbare Reparaturarbeiten. Wenn man Martin jedoch fragt, was er anders machen würde, wenn er sein Leben noch einmal leben könnte, stellt er nach kurzer Überlegung fest:

Das ist mein Boot...

"Ich würde echt gucken, ob ich nicht ein bisschen eher auf dieses Boot komme..."

Auf den Luxus einer richtigen Wohnung kann er verzichten, stattdessen lebt er in einer funktionierenden Gemeinschaft. Geld verliert an Bedeutung, denn die Bewohner helfen sich gegenseitig. Wichtiger als das Einkommen sind die geselligen Abende, wie zum Beispiel das Räuchern der zuvor in der Förde gefischten Heringe mit Hafennachbar Reinhard.

Das ist eine Perspektive

Das ist eine Perspektive

In seinem vorherigen Leben wohnte Martin in einer Wohnung in Hamburg und war Leiter einer Jugendeinrichtung. Der Beruf kostete ihn viel Kraft und raubte ihm sämtliche Ressourcen, bis hin zum Burnout. Im Hafen von Stickenhörn fand er sein Glück und konnte wieder neue Kraft schöpfen.

"Da habe ich Bock drauf, das ist eine Perspektive..."

Das Leben von Martin hat laut der aktuellen Glücksforschung vieles, was ein Mensch braucht, um glücklich zu sein. Mit der Pflege seines Boots hat er eine Aufgabe, der er mit Leidenschaft nachgehen kann. Er lebt in einer guten Gemeinschaft und er hat genug Freiraum, um sich selbst zu verwirklichen. Die einzige Frage, die sich stellt, ist, warum wir seine Lebensweise trotzdem so ungewöhnlich finden. Ob Martin in Stickenhörn für immer glücklich bleibt, ist schwer vorhersehbar. Denn zum absoluten Glück gehören noch weitere wichtige Komponenten dazu:

Gesundheit und der Zufall. Niemand kann sein Glück erzwingen, aber mit ein paar Tricks kann man ihm näher kommen und vielleicht ist es einfach nur eine Frage der Einstellung, ob man glücklich ist oder nicht.

Mit Glücksforschung hat sich Martin übrigens noch nie beschäftigt und hält es auch für unnötig. Wenn er unzufrieden ist, dann segelt er einfach davon...

Segelromantik


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Kommentare

  1. NameAnja Luther

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    Herzlichen Dank für diese Reportage über ein “echtes Stück Kulturgut”. Befinde mich gleich auf dem Weg dahin. Jede Saison ist es falsch das eigene Bott aus dem Wasser zu nehmen.
    FrauFlausen

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