Pillauer Straße
Julia Königs       Dienstag,03.10.2017 | 18:50 Uhr

Pillauer StraßeRezension

Das wissen wir schon

Dieser Beitrag ist als freiwillige Leistung in der Lehrredaktion am Fachbereich Medien entstanden.

„Das wissen wir schon“ von Noemi Schneider

Wie kommen wir denn an, wo wir hin wollen und was genau wollen wir denn eigentlich? Zwischen schnelllebiger Gesellschaftskritik und bissiger Ironie steht der Generationenkonflikt von Mutter und Tochter, mit dem Noemi Schneider den Ton der Zeit trifft.

von Julia Königs

Da ist die Generation, die keine Meinung hat, unentschlossen ist, mutlos. Die Perspektiven nicht sieht und sich eine Auszeit nehmen muss, weil die vielen Möglichkeiten, die keiner ergreift, zu erdrückend sind. Und dann ist da die Generation der Mütter, willensstark, mutig und zupackend. Die die Welt verändert hat und immer neue Projekte findet, die verbessert werden müssen. Die eine Generation möchte Schutz in dieser heilen Welt der aktivistischen Weltenbummlermütter suchen – die andere schimpft auf die kleinlichen, schwachen und unreifen jungen Leute, die nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen sollen. Luxusprobleme, denken die einen; Belanglosigkeit die anderen.

„Ich würde gerne irgendwo ankommen“, sagt die namenslose Ich-Erzählerin. „Aber ich weiß nicht, wie das geht.“ Sie lebt in einer großen Stadt in Deutschland, hat ein paar unbedeutende Filmdrehs in der Tasche, ist pleite und möchte sich bei der Mutter verkriechen – findet aber keinen Platz, an den sie gehört. Während in einem verpackungsfreien Supermarkt gejobbt wird, mit den Nachbarn Fini und Amadeus tiefsinnige Gesprächsrunden geführt werden, die an schummrige Studentenbars erinnern, und der Lover in der Wüste besucht wird, treibt sie sich auf Anti-Abschiebe-Demos herum.

Die Mutter, ein „Stehaufweibchen“, hat auch keine Zeit und keinen Platz für ihre Tochter, denn im Haus wohnen Flüchtlinge, in der Gartenhütte der Dschihadist Mustafa, der in die Türkei abgeschoben werden soll. Und weil die Mutter ein Ding mit dem Innenminister (dem Toni) hat, kann Mustafa bleiben und sein Garten-Kalifat verteidigen.

Da sind Fini und Amadeus, Maserati-Walter, die Nichten. Jeder hat seinen ganz gezielten Auftritt, während andere Personen an der Handlung vorbeirasen, sie sind Namen, Berufe und Erfolgsgeschichten, die die Ich-Erzählerin aufzählt, ihnen aber keinen Tiefgang beimisst, denn sie erinnern sie an ihr eigenes Scheitern. Alle bekommen Platz in Schneiders scharfer Gesellschaftskritik: die Gutmenschen, die Nazis, die Aktivisten, die Flüchtlinge, die Medien, die Politiker. Natürlich ist auch der Kapitalismus an allem schuld.

Harte und knackige Dialoge entstehen zwischen den rasanten Szenenwechseln. Die Autorin trifft gekonnt, was sie sagen will, denn Schneider macht kein Wort zu viel. Wir kommen nicht nah heran an die Figuren, doch nah genug, um eine tragisch-komische Geschichte vom Glück und vom Scheitern im Leben zu erfahren. Pointe folgt auf Pointe, plötzlich ist alles vorbei und man fragt sich: Wie denn überhaupt leben, wenn nichts mehr von Bedeutung ist?

Lächerlich banal wirkt das Leben der Ich-Erzählerin, während dem Leser Fragen einfallen, auf die es vielleicht gar keine Antworten gibt oder geben muss: Wann ist man denn Terrorist? Brauchen wir noch mehr Gleichberechtigung? Ist der Kapitalismus wirklich der Feind? Und wohin führt uns die Krise mit den Flüchtlingen? Ob man am Ende lachen oder weinen soll, das ist nicht ganz klar.

Spätestens wenn der Dschihadist in der Gartenhütte mit seinem Haus-Nerz den Hungerstreik beendet, einen Fernsehauftritt bei Meet the Dschihadi bekommt und YouTube-Star wird, erhält die Handlung einen bitteren Beigeschmack. Absurdität und Tragikomik entwickeln ungeahnte Ausmaße.

Noemi Schneiders Debütroman ist bissig und protestierend. Er unterhält kurzweilig, bleibt dann doch überraschend lange im Gedächtnis haften. Schneider setzt ihr Studium in Regie und ihr Talent für Dokumentarfilme in einem literarischen Experiment ein, das gut gelingt und dem Leser kaum Raum zum Durchatmen lässt.

Das wissen wir schon
Noemi Schneider

Headerbild - Das wissen wir schon
Leseprobe
Hanser Berlin
192 Seiten, gebunden, EUR 18,00
ISBN 978-3-446-25507-4

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