Holstenbrücke
Sabrina Aust       Donnerstag,04.04.2013 | 18:57 Uhr

HolstenbrückeProjektarbeit, Master Multimedia Production, 2. Semester

Busfahren für Sehbehinderte

Füße und Blindenstock auf dem Aufmerksamkeitsfeld an der Bushaltestelle

Foto: Sabrina Aust

- Die Schwierigkeiten fangen schon an der Haltestelle an. Erstmal heißt es, die Bushaltestelle zu finden und dann in den richtigen Bus einzusteigen. – Klingt einfach. Aber wenn man blind ist, werden selbst so einfache Dinge wie das Busfahren zum Hürdenlauf. Der Weg zu der nahe an ihrer Wohnung gelegenen Haltestelle ist Marlies Berndt* (Name redaktionell geändert) bekannt: der surrende Stromkasten an der Häuserwand, der gepflasterte Bürgersteig mit der rechts in Stein eingefassten Rasenkante, der Zigarettenautomat an der Kreuzungsecke, die stumme Ampel. Die Ampel gibt keinen Ortungston von sich, so dass sie für blinde Menschen nahezu unauffindbar ist. Glücklicherweise befindet sie sich geradlinig verlängert von der Häuserkante. Sehbehinderte Menschen müssen sich verstärkt auf ihre 4 anderen Sinne konzentrieren, um sich in ihrer Umgebung zurecht zu finden. Das ist gar nicht so einfach, wenn man bedenkt, dass über 80 Prozent der Wahrnehmung über die Augen stattfindet.
Darstellung über Aufteilung der Sinne bei der Wahrnehmung

Verteilung der Wahrnehmung auf die Sinne
Grafik: Sabrina Aust

  Herr Hinrichsen, Vorstand vom Blindenverein Kiel: Berndt leidet seit ihrer Geburt an der Augenkrankheit Retinopathia pigmentosa. Nur noch in den äußeren Ecken ihrer Augen kann sie Schatten erkennen. Dieses restliche Sehvermögen von weniger als 2% reicht kaum aus um sich ausreichend im Straßenverkehr zu orientieren, daher trägt sie immer einen weißen Langstock mit sich.
Bushaltestelle

normale Sichtweise
Foto: Sabrina Aust

eingeschränktes Sichtfeld

eingeschränkte Sicht
Grafik: Sabrina Aust

                In Schleswig-Holstein leben rund 6000 blinde und 20.000 hochgradig sehbehinderte Menschen. In Kiel sind es konkret 967 Personen, die aufgrund einer Sehbehinderung einen Schwerbehindertenausweis mit sich führen. Die Tendenz ist steigend, da die Gesellschaft zunehmend älter wird und die Lebenserwartung steigt. Gerade Personen im hohen Alter haben vermehrt Probleme mit den Augen. Dabei unterscheidet man mehrere Stadien von Seheinschränkungen:
Arten der Sehbehinderung

Arten der Sehbehinderung
Grafik: Sabrina Aust

  Während Berndt auf taktile Flächen aus dem Boden angewiesen ist, können Sehbehinderte, denen noch ein Restsehvermögen erhalten geblieben ist, sich zudem an kontrastreichgestalteten Bodenplatten orientieren. Das sogenannte Aufmerksamkeitsfeld dient dazu, dass die Betroffenen sich dort hinstellen können und der Bus dann genau an dieser Markierung hält. Fast die Hälfte aller 700 Haltepunkte in Kiel sind bereits behindertengerecht ausgestaltet, so der Betriebsleiter der Kieler Verkehrsgesellschaft Thomas Mau. „Und es wird stetig weiter ausgebaut“, versichert er. Durch einen regelmäßigen Austausch mit dem Behindertenbeirat der Stadt Kiel und dem Fahrgastbeirat Schleswig-Holstein werden die Bedürfnisse der Sehbehinderten  wahrgenommen und bei der Anschaffung von neuen Busmodellen berücksichtigt. Jedes Jahr tauscht die KVG 10-15 Busse gegen neuere Modelle aus, um den Ansprüchen ihrer Fahrgäste gerecht zu werden. So werden die neuen Modelle für 2013 mit Außenlautsprechern zur Ansage der Busliniennummer ausgestattet sein, und ältere Busse sollen mit Lautsprechern nachgerüstet werden. Damit wird es einfacher für sehbehinderte Menschen den richtigen Bus zu finden. Die erste Tür vorne beim Busfahrer wird von außen mit gelben Kontraststreifen gekennzeichnet und auch im Innenraum wird es mehrere Anpassungen geben. Gelbe Haltestangen, ein dunkler holzähnlicher Bodenbelag und an Stufen angebrachte hellgraue Metallleisten bieten dann ein stärkeren Kontrast als die bisherige Businneneinrichtung. Sollte die Ansage mal defekt sein, so wäre der Busfahrer dazu angehalten, die Haltestellen über das interne Mikrofon anzusagen. Störanfällig sind vor allem die Monitore im Bus. Mikroerschütterung, Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen setzen der Technik zu. Die Technik sei erst seit wenigen Jahren in Betrieb und noch nicht so ausgereift, so die KVG. Einen Sitzplatz finden, stellt manchmal auch ein Problem dar. In vielen Busmodellen ist der Platz vorne links oder die Sitze hinter dem Busfahrer für mobilitätseingeschränkte Personen vorgesehen, in anderen Modellen ist es die Vierergruppe weiter hinten. Auch hier herrscht keine Einheitlichkeit. Besonders schwierig ist es bis zur Vierergruppe vorzugehen, da es blinden Menschen schwer fällt das Gleichgewicht zu halten in einem anfahrenden Bus. Eine Vereinheitlichung aller Modelle sei nicht möglich, gibt Mau zu verstehen, da jedes Jahr neue Vorschriften erlassen werden für die Gestaltung der Innenräume und die Kosten für einen jährlichen kompletten Austausch der 150 Fahrzeuge nicht tragbar seien. Laut dem Behindertengleichstellungsgesetz gelten Verkehrsmittel als barrierefrei, „wenn sie für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“ Um Menschen, die im Laufe ihres Lebens eine Sehbehinderung erleiden oder auch von Geburt an blind sind, eine Orientierungshilfe für die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln zu geben, werden Mobilitätstrainings von ausgebildeten Trainern angeboten. Je nach seinen individuellen Bedürfnissen werden dem Betroffenen Orientierungshilfen und Anleitungen für ein besseres Zurechtfinden in seinem näheren Umfeld gegeben. Der Kontakt zu einem Mobilitätstrainer vermittelt der Augenarzt oder der Blindenverein. Die Bezirksgruppe Kiel des Blindenvereins Schleswig-Holstein bietet neben der Vermittlung von wichtigen Ansprechpartnern noch weitere Hilfestellungen für sehbehinderte Menschen. Die persönliche Beratung von Betroffenen und Angehörigen, sowie die Verteilung von Busfahrplanänderungen per Email zählen ebenso zu den Vereinstätigkeiten wie die regelmäßigen Treffen von Interessengruppen in den vereinseigenen Räumlichkeiten. Außer dem Kartenspielen, Yoga oder der Rückenschule werden im Sommer auch Outdooraktivitäten wie das Tandemfahren angeboten. Somit wird den 130 Vereinsmitgliedern zusätzlich die Möglichkeit gegeben zusammen mit Sehenden Unternehmungen zu machen. Wie schwierig empfinden es nun sehbehinderte Menschen in Kiel den Bus zu benutzen?
Busausstieg

Ausstieg vorne
Foto:Sabrina Aust

 
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