Pillauer Straße
Gino Laib, Marcel Lischke, Leevke Struck, Daniela Stamp, Johann David Bendix Reimer, Pia Höllwig, Milena Göde, Freyja Steinke, Lene Rusbült, Johanna Jedowski       Dienstag,21.07.2015 | 11:35 Uhr

Pillauer Straße

Brandstiftung – Wenn aus einem Funken eine Katastrophe wird


Brandstiftung

Wenn aus einem Funken eine Katastrophe wird

Ein Brandstifter geht um auf dem Kieler Ostufer. Keller und Dachstühle von Mehrfamilienhäusern brennen seit Januar regelmäßig und sorgen für große Unsicherheit und Angst. Wer sind die Täter? Was richtet Feuer an? Wie geht es den Opfern nach so einem Erlebnis und was tun die Ermittler, um die Täter zu fassen? Brandstiftung, das ist das mutwillige in Brand setzen von Hab und Gut. Bekannt ist sie uns sogar schon aus der Antike, als große Teile Roms angeblich durch seinen Kaiser Nero in Brand gerieten. Auch heutzutage gibt es immer wieder Fälle, die eine ganze Stadt in Atem halten und teilweise nie aufgeklärt werden. Wir haben uns auf die Suche begeben, um mehr über Brandstiftung zu erfahren, die verschiedenen Seiten zu beleuchten und all diese Fragen zu beantworten. Daran möchten wir euch teilhaben lassen.

Opfer der Brandstiftung

"Der Brandgeruch ist unverwechselbar!"

Während unserer Recherche trafen wir Lisa Müller (Name von der Redaktion geändert). Sie ist von der Brandstiftung in Kiel betroffen und musste mit ansehen, wie das Feuer ihre zuvor frisch renovierte Wohnung größtenteils zerstörte. Sie berichtete uns von ihrem Erlebnis und wie sie über Nacht komplett ihr Leben umstellen musste. Durch eine aufmerksame Polizeistreife wurden sie und die anderen Bewohner aus den Wohnungen geklingelt.

“Ich habe nicht mehr klar denken können, weil ich gehört habe, wie sich das Feuer anbahnt, die aufkommende Wärme aus Richtung meines Schlafzimmers spürte und mit Puddingbeinen durchs noch sichere Treppenhaus nach unten zu den anderen ging.” Unten angekommen bemerkte sie in der Panik, Fotoalben vergessen zu haben, obwohl sie sich immer fest vorgenommen hatte, diese mitzunehmen, sollte es mal brennen. Auch ihr Portemonnaie hatte sie liegen lassen, nur ihr Handy befand sich in ihrer Hosentasche. „Als ich vor dem Haus stand und das Feuer sah, dachte ich erst zum Glück raus, zweitens warum dieses Haus? Wie schnell bekommt die Feuerwehr alles in den Griff? Es sah absolut mächtig aus und zu groß, um es schnell genug zu löschen.“ Nachdem die Feuerwehr zwei Stunden damit verbrachte, den Brand unter Kontrolle zu bringen, konnte Müller noch kurz in die nun unbewohnbare Wohnung zurück, um das Allernötigste zu holen. Seitdem lebt sie übergangsweise in einer angemieteten Ferienwohnung und sehnt den Tag herbei, in ihre sanierte Wohnung zurückzukönnen.

Neben dem emotionalen Stress und der psychischen Belastung, die mit diesem Brand einhergeht, musste Müller sich auch noch mit Behörden, Versicherungen und Brandsanierern auseinandersetzen. “Heute haben wir den 06.06. und ich bin immer noch in der Ferienwohnung. Der Brandsanierer hatte schon Ende April als Einzugstermin versprochen, da bei diesem Brandfall aber wohl alles schief ging, was möglich ist, ist es erst jetzt allmählich möglich, meine Wohnung zu sanieren." Sie hoffe, endlich in ihre Wohnung zurückkehren zu können, da auch der Versicherungsschutz ihrer jetzigen Unterkunft bald ablaufe. Auch heute noch beschäftigt sie das Erlebnis jeden Tag: „Der Brandabend an sich wird in solchen Momenten wieder präsent, wenn vergleichbare Gerüche an die Nase dringen. Der Brandgeruch ist unverwechselbar!“

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Interview mit Leevke Struck

Das weiß auch Dr. Audrey Lobo-Drost, Heilpraktikerin für Psychotherapie: ”Sehr gravierend ist das ungewollte ständig wiederkehrende Erleben der Situation.” Menschen, die einen Brand miterleben, leiden auch noch Monate später unter den traumatischen Erfahrungen. Das Bewusstsein, alles verloren zu haben oder geliebte Dinge nie wieder zurückzubekommen, dringt meist nur langsam in die Realität vor. So kommt es den Opfern vor, als würden sie einen schlechten Traum erleben. Die Aufbereitung und Verarbeitung des Geschehenen erlebt jeder anders. Sie suchen sich professionelle Hilfe, um Angst- und Schlafstörungen in den Griff zu bekommen. Sie kommen bei Freunden oder Familie unter und treffen Vorsichtsmaßnahmen, um ihre Habseligkeiten besser zu schützen. Der Wunsch die Kontrolle zurückzuerlangen und nicht in ständiger Angst leben zu müssen, steht an vorderster Stelle.

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Interview mit
Dr. Audrey Lobo-Drost

Täter

"Opfer werden zu Tätern!"

Und die andere Seite? Wer legt das Feuer? Sind es wirklich Menschen, die einem rein kriminellen Verlangen folgen, die andere Menschen verletzen oder gar töten wollen? “Der durchschnittliche Serienbrandstifter ist männlich, unter 30 Jahre alt, hat keinen Schulabschluss und ist ohne berufliche Perspektiven”, berichtet uns der Arzt und forensische Gutachter Dr. Michael Jehs. Oftmals stehe der Brandstifter während der Tat unter Drogeneinfluss, genauer unter Alkoholeinfluss. Dies sind statistische, wissenschaftliche Daten. Doch dennoch ist eines nicht zu vergessen: Hinter jeder Tat steht ein Mensch und damit ist jede Tat mit all ihren Hintergründen ebenso individuell wie der Mensch selbst.

Die Motive für eine Brandstiftung sind vielfältig, Brandstifter folgen unterschiedlichen Motivationen. Die häufigste Motivation ist die verhaltensgestörte. „Hier werden Opfer zu Tätern“, erklärt Jehs. Viele Brandstifter leiden an nicht zu unterschätzenden psychischen Erkrankungen, meist schon seit Kindertagen. Ihr Selbstwertgefühl ist erheblich gestört, sie sind unzufrieden mit sich selbst und ihrer gesamten Lebenssituation. Sie verfügen über ein mangelhaftes Sozialverhalten, mangelnde geistige Reife, sind nicht in der Lage Konflikte zu lösen, fühlen sich unterdrückt und unterlegen.

Aber was hat all das mit Feuer zu tun? Ist so ein Mensch völlig verzweifelt und frustriert, so gehe „er raus und mache sich Luft“, erklärt Jehs. Feuer, das hat Faszination. Feuer, das hat Macht. Feuer, das hat etwas Vernichtendes. Es hat also all das, was der Täter nicht hat oder nicht zu haben glaubt. Er wird in gewisser Weise zum Opfer seiner eigenen Schwächen. Und plötzlich sieht er etwas, das er geschaffen hat, womit er all seine angestauten Aggressionen abbauen kann, sich Luft machen kann. Und konditioniert sich unbewusst darauf, es wieder zu tun. „Es geht mir wieder schlecht, ich brauche einen Ausgleich, ich brauche Abhilfe“, mag er sich denken und wieder losziehen. Hinzu kommen oftmals auch exhibitionistische Verhaltensweisen, das Verlangen sich präsentieren zu können und Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Feuerwehrsirenen durch die eigene Tat auszulösen, einen Feuerwehreinsatz zu begründen. Endlich etwas zu bewegen.

Forensischer Gutachter:
Dr. Michael Jehs

"Das Ausmaß dieser Tat ist dem Täter gar nicht bewusst."

Ein Bewusstsein für seine Tat oder gar Reue zeigt ein solcher Brandstifter selten. Dies liegt vor allem daran, dass die Tat in der Regel in einer Ausnahmesituation erfolgt. In dem Moment ist der Täter nicht fähig, rational zu denken. In Verbindung mit Alkohol oder Drogen kommt ihm diese Fähigkeit dann gänzlich abhanden. Und meist ist dieses erhabene, mächtige Gefühl viel größer als jede Reue. In den seltensten Fällen möchte ein so motivierter Brandstifter wirklich jemandem aktiv Schaden zufügen, ihn gar verletzen oder töten. Nein, er möchte eigentlich nur sich selbst helfen, seinen Problemen Abhilfe verschaffen. Die Möglichkeit der Heilung ist wie bei jeder psychischen Erkrankung gegeben, aber je nach Ausprägung schwierig. Hinzu kommt, dass überhaupt nur ein Drittel der Brandstifter gefasst werden können. Alle anderen können weder bestraft noch behandelt werden.

Am einfachsten mag wohl die rein kriminelle Motivation zu durchdringen sein. Zu so motivierten Taten lassen sich beispielsweise Diebstähle oder Versicherungsbetrüge zählen, also die Vertuschung einer Tat oder der Wille, eine Versicherungssumme zu kassieren. Ebenso der zielgerichtete Einsatz von Feuer auf eine ganz bestimmte Person, beispielsweise aus Rachsucht, stellt eine kriminelle Motivation dar. Auch Feuerwehrleute selbst werden zu Brandstiftern. Sie handeln aus dem Streben nach Anerkennung und Aufmerksamkeit heraus. Da sie sich mit der Thematik Feuer und Brandstiftung auskennen, ist es für sie deutlich leichter, ein Feuer unbemerkt zu legen. Ruhm und Anerkennung erhalten solche Brandstifter dann durch das Löschen eben dieses Feuers. Zwar ist der Anteil an Brandstiftungen durch Feuerwehrangehörige eher gering, nahm aber in den letzten Jahren zu. “Es betrifft leider hauptsächlich den Ehrenamtler, also die Freiwillige Feuerwehr”, weiß Michael Krohn, Pressesprecher der Berufsfeuerwehr Kiel. Dennoch leidet unter solchen Taten das Image der gesamten Feuerwehr. Zu Unrecht.

Feuerwehr

"Jeder Brand hat seine Eigenheiten!"

Täglich riskieren Feuerwehrleute ihr Leben, um Brände zu löschen und so das Leben anderer zu retten. Denn im Falle eines Brandes ist einer der ersten Impulse zum Telefon zu greifen und 112 zu wählen. Die Feuerwehr ist der Retter in der Not. Wir hoffen, dass sie uns helfen kann, unseren Besitz zu retten, das Feuer unter Kontrolle zu bekommen und uns unsere Hilflosigkeit abzunehmen. Feuerwehrmann oder Feuerwehrfrau - das ist ein echter Knochenjob, egal ob bei der Berufsfeuerwehr oder der Freiwilligen. “Jeder Brand hat seine Eigenheiten!”, berichtet Fabian Wachtel, Mitglied der freiwilligen Feuerwehr Glashütte-Norderstedt.

So gleicht auch kein Arbeitstag dem anderen. Tage, an denen man sich mal nicht gut fühlt, sich lieber im Hintergrund hält und bei der Arbeit nicht 100% liefern mag, gibt es bei der Feuerwehr nicht. Körper wie Geist sind regelmäßig großen Belastungen ausgesetzt und das gleichzeitig. Einen Brand zu löschen bedeutet, in großer Hitze zu arbeiten und das unter dem Druck, Hab und Gut und manchmal sogar Menschenleben zu retten.

Der Arbeitsalltag der Feuerwehr, sofern es überhaupt so etwas wie einen Alltag gibt, besteht nicht ausschließlich aus dem Löschen von Bränden. Brandmeldungen machen nur etwa 30% der Einsätze aus. Feuerwehrleute sind auch Sanitäter, werden zu Unfällen gerufen, kommen bei Überschwemmungen zum Einsatz und treffen Brandschutzmaßnahmen. Trotzdem ist es die Realität der Feuerwehrleute, nicht allen Menschen helfen und nicht jedes Leben retten zu können. “Die Schublade mit solchen Erinnerungen füllt sich im Laufe der Zeit, aber damit müssen wir irgendwie klarkommen”, erzählt Werner Schröder, Angehöriger der Kieler Berufsfeuerwehr

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Berufsfeuerwehr Kiel

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Gerade wegen dieser Fülle an Geschehnissen haben Vorbereitung und Nachbereitung bei der Feuerwehr einen großen Stellenwert. Auch nach der Grundausbildung gibt es regelmäßig Weiterbildungs- und Übungsdienste, Sporteinheiten oder Ortsbegehungen. Routine und Erfahrung helfen bereits im Vorfeld. “Normalität gibt es bei uns nur selten”, weiß auch Jonas Thalau, ein Kollege Schröders. Im Gespräch wird schnell deutlich, wie wichtig der Zusammenhalt als Mannschaft ist. Gemeinsame Freizeitaktivitäten tragen ebenso zu diesem Zusammenhalt bei wie intensive Gespräche über Einsätze und Erfahrungen. Auch Erfolgserlebnisse nach einem positiv verlaufenen Einsatz stärken die Gemeinschaft. Trotzdem steht den Feuerleuten immer auch professionelle Hilfe, beispielsweise Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams, zur Seite. Denn leider verläuft nicht jeder Einsatz erfolgreich.

"Meine Frau schläft nicht gut, wenn ich Dienst habe."

Auch für Familie und Freunde stellt der Beruf des Feuerwehrmanns und der Feuerwehrfrau eine Belastung dar. Diensthabende Feuerwehrleute haben keinen achtstündigen Arbeitstag, sie sind oft mehrere Tage in der Dienststelle. “Meine Frau schläft nicht gut, wenn ich Dienst habe. Das hält sie mir schon manchmal vor”, so Thalau. Denn jeder Einsatz birgt ein Risiko. Und Feuer kennt nicht den Unterschied von Tag und Nacht, von Wochenenden und Werktagen, Feuer kennt auch keine Feiertage. Nicht nur, dass der Ehemann oder Vater an Weihnachten oder am Geburtstag nicht da sein kann, sondern dass er während dieser Abwesenheit auch noch häufig sein Leben für das Leben anderer riskiert, ist auch für die Angehörigen eine Situation, an die sie sich wohl nie ganz gewöhnen können. Und doch müssen sie es. “Gerade das ist schließlich unser Antrieb. Menschen in Notsituationen zu helfen”, erklärt Werner Schröder.

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Audio-Slideshow: Kellerbrand

Ermittlungen
Brandursachenermittler: Frank Dieter Stolt

Brandursachenermittler: Frank Dieter Stolt

"Brandursachenermittlung ist ein Puzzle aus 10.000 Teilchen."

Den Brandstifter zu fassen, ihn zu stoppen, ihn für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen - dies scheint wohl im Interesse aller irgend involvierten Parteien. Bürger, die Bürgerwehr, Feuerwehr und Polizei, alle sind beteiligt. “Brandursachenermittlung ist ein Puzzle aus 10.000 Teilchen. Das Fiese ist, dass die Teile fast alle gleich aussehen”, weiß Frank Stolt, der seit 16 Jahren als Gerichtssachverständiger für Brand- und Explosionsursachenermittlung tätig ist. Das macht es so schwer, einen Brandstifter zu fassen. Die Brandursache herauszufinden gelingt in der Brandermittlung in 90 % der Fälle. Schwieriger wird es, den Brandverursacher, also den Brandstifter selbst, zu finden. Stolt kennt die Gründe. Zunächst zerstöre das Feuer meist bereits zahlreiche Spuren, die auf den Täter hinweisen könnten, das Löschen eines Brandes trage ebenfalls nochmal zur Spurenverwischung bei. Gerade Wiederholungs- und Serientäter beobachten ihre Taten in den meisten Fällen außerdem sehr genau - und zwar nicht nur den Brand selbst, sondern auch alles, was danach passiert. So kann der Brandstifter aus seinen Fehlern lernen und die nächste Tat optimieren.

Bestärkt wird dieser Lerneffekt leider durch Schaulustige, die durch ihre Smartphones zu Fotografen und Kameramännern werden und ihr gewonnenes “Material” einfach ins Internet stellen. “Der Täter bekommt die Möglichkeit, sich seine Fehler zeitnah noch einmal anzusehen!”, mahnt Stolt mit der Bitte, diese Materialien nicht einfach jedermann zur Verfügung zu stellen. Ein weiteres Problem in der Ursachenermittlung sieht Stolt in der Polizeiarbeit. Große Defizite gäbe es vor allem bei der Beweissicherung. Das Aufgabenspektrum der meisten Polizeibeamten sei einfach zu groß, so dass die wenigsten ausreichend spezialisiert seien, eine Brandursache zu ermitteln. Zuständig für die Sicherung des Brandes ist die Schutzpolizei, die KriPo ermittelt dann weiter. Wie genau die polizeiliche Ermittlung in Brandfällen aussieht, darüber erhielten wir leider von der Polizei keine Information. Zu Vorgehensweise und Ermittlungsfortschritt hielt sie sich bedeckt.

"Die Polizei muss aufpassen, dass sie dem Täter nicht zu viel Wissen offenbart."

Schade, aber auch verständlich, würden diese Informationen doch auch an den Täter selbst gelangen können. Dies sieht auch Stolt so: “Die Polizei muss aufpassen, dass die dem Täter nicht zu viel Wissen offenbart!” Denn dann wüsste er plötzlich Bescheid, wie nah eine Festnahme möglicherweise sein könnte. Außerdem könne zu viel Information auch die Bevölkerung noch mehr verunsichern und die Angst gar noch verschärfen.

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Kieler Bürgerwehr
Die Suche nach dem Schatten

Den Kieler Brandstifter zu fassen, auf frischer Tat zu ertappen, ihn zu überführen, das ist nicht nur das Ziel der ermittelnden Polizisten und Kripobeamten. Auch einige Kieler Bürger selbst hegen dahingehend Ambitionen und haben dafür sogar eigens Bürgerwehren gegründet. Eine von ihnen, bestehend aus drei jungen Männern, durften wir eine Nacht bei ihren “Ermittlungen” begleiten.

Johannes, Peter und Dominic haben sich zusammengeschlossen, um den Brandstifter selbst zu erwischen. Doch die drei sind nicht, wie man meinen könnte, getrieben von der Angst, auch Opfer des Brandstifters zu werden - keiner von ihnen lebt selbst auf dem Ostufer. Der Antrieb scheint ein wenig der mögliche Ruhm zu sein, der sie erwartet, sollten sie den Brandstifter wirklich fassen können. Dreimal wöchentlich fahren sie nachts in einem gewöhnlichen PKW durch die Straßen von Gaarden, Dietrichsdorf und Elmschenhagen, durchleuchten Hinterhöfe mit Taschenlampen und halten nach auffälligen Personen Ausschau. Das Auto verlassen sie dabei nur selten. “Ob das gefährlich ist? Bestimmt!”, sagt Dominic, einer der drei Aktivisten. Einmal glaubten sie sogar, den Täter gefasst zu haben - und irrten. Johannes und Co. sind mit ihren Zielen nicht alleine, mittlerweile haben sich auf dem Ostufer mehrere Bürger zu Wehren zusammengeschlossen, die teilweise sogar zu Fuß durch die Straßen patroullieren. Soziale Netzwerke, allen voran Facebook, ermöglichen einen einfachen Austausch.

“Alles, was wir hier machen, ist rechtlich okay!”

Bürgerwehren sind ein Zusammenschluss mehrerer Bürger, die auf eigene Faust ermitteln. Sie entstehen meist aus einem Misstrauen in die Polizei heraus. Die Aktivisten, die sich solchen Wehren anschließen, zweifeln an den Fähigkeiten der Polizeibeamten und wollen selbst etwas bewegen, indem sie auf Streife fahren und zu ermitteln versuchen. Rechtlich bewegen sich Bürgerwehren in Grauzonen, verboten aber sind sie nicht.

Unter Polizei- und Kripobeamten ist diese Art von Selbstjustiz umstritten. Laufende Ermittlungen können durch die Ermittlungen der Bürger auf eigene Faust beeinträchtigt oder auch richtiggehend gestört werden. Solcherlei Einwände lassen Johannes, Peter und Dominic unberührt. “Ich habe das lange gegoogelt. Alles, was wir hier machen, ist okay!” Und die 5000 Euro Belohnung, sollten sie den Brandstifter fassen? Auch die scheinen okay zu sein.

Und die Polizei selbst? Gerne hätten wir auch über diese Seite der Ermittlung berichtet. Scheint sie doch die Wichtigste zu sein, die den Täter fassen soll. Die dafür sorgen soll, dass wieder Ruhe einkehrt. Leider stand uns die Polizei für kein Gespräch zur Verfügung. Über laufende Ermittlungen werde ebenso wenig gesprochen wie über Vorgehensweisen im Allgemeinen.

Eine Nacht mit der Kieler Bürgerwehr
(Podcast - 10 Minuten)

Feuer - viele Ursachen, viele Auswirkungen, viele Emotionen. Feuer kann schön sein, es kann wärmen, es kann gemütlich sein und beruhigend. Aber ebenso schnell wird es gefährlich, angsteinflößend, zerstörerisch und nicht zuletzt auch lebensbedrohlich. All diese Faszinationen, all diese Seiten scheinen auch den oder die Brandstifter hier bei uns in Kiel anzutreiben. Dieser Fall beschäftigt noch immer zahlreiche Menschen. Die Bewohner des Kieler Ostufers leben weiterhin zum Teil in Angst. Die Freiwilligen wie auch die Berufsfeuerwehren sind weiterhin in Obachtstellung. Die Polizei fährt sehr präsent Streife und ermittelt auf Hochtouren und doch kam es bereits wieder zu zwei Bränden in Mehrfamilienhäusern auf dem Kieler Ostufer. Abermals mussten Menschen mitten in der Nacht ihre Wohnungen verlassen und wurden teilweise sogar verletzt. Den oder die Täter zu stoppen bleibt für alle Beteiligten ein schwieriges Unterfangen. Und wir? Wir alle kennen nun die Facetten des Feuers, der Brandstiftung. Wir haben mit Opfern gelitten und uns in Täter versetzt. Wir haben die Feuerwehr begleitet und selbst zu ermitteln versucht. Und können doch nur hoffen, dass der Täter gefasst wird und endlich endgültig Ruhe gibt.

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