Pillauer Straße
Redaktion       Dienstag,08.12.2015 | 1:00 Uhr

Pillauer Straße

Bombenfunde – Kiels explosives Erbe

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Modul Synergetische Publikationsmethoden entstanden. Als Teil der Prüfung im Wintersemester 2015/16 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.

Kapitel I
Damals &
Heute

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Barabara

Kiel,1945: In der Nacht vom 3. zum 4. Mai ertönt ein letztes Mal der Fliegeralarm. Aufgrund der großen militärischen Bedeutung des Kriegshafens und der Werften, wurden bei zahlreichen Luftangriffen rund 30.000 Tonnen Munition abgeworfen. Nach der Kapitulation der Wehrmacht liegt alles in Schutt und Asche, die Landeshauptstadt ist zu über 80 % zerstört.

70 Jahre später: Noch immer werden regelmäßig Blindgänger und Reste von Munition aus der damaligen Zeit entdeckt. Für den Kampfmittelräumdienst in Groß Nordsee bei Felde, fallen täglich neue Aufträge an. Zur Schutzmaßnahme wurde um den Zerlegebetrieb ein großer Waldbestand aufgebaut.

Groß Nordsee, 2015: Ein ehemaliges Tanklager bei Felde wurde im Laufe der Zeit zum Standort des Kampfmittelräumdienstes in Schleswig-Holstein umfunktioniert. Die auf dem Gelände befindlichen alten Bunker dienen nun als Sicherheitssprengplätze und zur Lagerung von Munition. Als Schutzmaßnahme wurde um den Zerlegebetrieb ein großer Waldbestand aufgebaut, erläutert Georg Ocklenburg, der stellvertretende Leiter vor Ort.

Seine Mitarbeiter sind zuständig für die Beseitigung sämtlicher Blindgänger und Reste aus der damaligen Zeit, die land- und wasserseitig gefunden werden. Hierzu gehören nicht nur Großsprengkörper wie Bomben, sondern vor allem Kleinmunition wie Gewehrpatronen.

Besprechung: Kampfmittelräumdienst in Groß Nordsee bei Feld

Da noch immer täglich neue Aufgaben anfallen, werden die Aufträge zunächst nach der jeweiligen Wichtigkeit eingestuft und danach abgearbeitet. Bei Dienstbeginn um 7 Uhr in der Frühe bekommt jeder Trupp die nötigen Informationen fü̈r seinen Einsatzplan zugewiesen.

Kapitel II
Luftbild-
auswertung

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Luftbilder von Kiel / Hafen

Einblicke in die Luftbildasuwertung

Kapitel II - Luftbildauswertung

Die Luftbildauswertung ist meist der erste Schritt zum Bergen einer Blindgänger Bombe.

Hierbei werden von den Mitarbeitern Kriegsluftbilder aus den Jahren 1939-1946 ausgewertet. Der Kampfmittelräumdienst in Schleswig-Holstein besitzt bis zum jetzigen Zeitpunkt etwa die Hälfte von 140.000 vorhanden Bildern. Das Ziel besteht jedoch darin, die fehlenden 70.000 Stück nach und nach einzukaufen.

Alan Bock hat eine Ausbildung zum Vermessungstechniker beim Katasteramt absolviert und wertet nun seit 15 Jahren die Weltkriegsbilder der Aliierten aus. Einen Ausbildungsberuf zum Luftbildauswerter selbst, gäbe es nicht, daher sei ein Geographie Studium wichtig, um in diesem Beruf arbeiten zu können.

Auf den alten Aufnahmen sind die Zielobjekte der Aliierten zu verschiedenen Zeitpunkten zu sehen. Bock vergleicht dabei die Abwurfstellen, um Veränderungen ausfindig zu machen. Diese Arbeit ist sehr langwierig und mühselig, da alleine in Kiel ca. 30.000 Tonnen Munition detoniert sind. Jede Bombe hat im Schnitt einen Auswurf von 12-20m.

In der Kampfmittelverordnung steht festgeschrieben, dass alle Grundstücke von Gemeinden überprüft werden müssen. Wenn ein Bauherr sein Grundstück bebauen möchte, muss dieser zuvor einen Antrag einreichen. Ahand dieser Daten werden die passenden Luftbilder herausgesucht. Diese werden dann auf eine aktuelle Karte projeziert und ausgewertet. Sollte auf der Karte ersichtlich werden, dass bestimmte Stellen überprüft werden müssen, werden die Koordinaten erzeugt, an denen sich die Sondierer orientieren und eventuelle Sprengkörper bergen können. Die letzten Jahre stieg die Trefferquote auf gute 15-20%.

Mehr Informationen: Link: schleswig-holstein.de / Munitionsatlas

Kapitel III
Suchen &
Finden

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Britische Seemine

Systeme

Geschichte

Heinz Kollath hatte ursprünglich einen technischen Beruf erlernt. 1993 begann seine Karriere schließlich beim Räumdienst. Von da an durchlief er alle Stationen. Heute ist er Leiter des Sondierungstrupps.

Heinz Kollath (Leiter des Sondierungstrupps.)

„Ich bin bestrebt meine Leute alle wieder heil nach Hause zu bringen. Das ist meine Hauptaufgabe.“

Die Aufgabe seines Teams besteht darin, alte Munition ausfindig zu machen, zu bergen und zum Betrieb zu transportieren.

Neben den Hinweisen durch die Luftbildauswertung, wird regelmäßig in den Wäldern nach versprengter Munition gesucht.

Damals wurden gesammelte Funde einfach auf einen großen Haufen gestapelt und gesprengt. Durch diesen Vorgang entstand allerdings nur zusätzlicher Schaden, weil der Zündstoff nicht zerstört, sondern einfach nur weiter verteilt wurde. Bei der Suche kommen verschiedene Geräte und Systeme zum Einsatz.

Bei dem aktiven System können alle Metalle geortet werden, auch Gold und Silber. Dabei wird ein Stromfeld erzeugt. Trifft dieses auf das Magnetfeld des Körpers in der Erde, ertönt ein akustisches Signal.

Nachdem die Fläche somit von den kleinen Störkörpern befreit ist, kommt das passive Gerät, die Sonde, für die großen Körper zum Einsatz. Diese befinden sich oftmals mehr als 4 Meter unter der Erde.

Allerdings erweist sich gerade die Kleinmunition als besonders gefährlich, da sie jeder aufheben und mitnehmen kann. Außerdem freuen sich die Sondierer über jede Auskunft von Bauarbeitern, Privatpersonen und älteren Mitbürgern. Heinz Kollath erinnert sich noch genau an seine Begegnung mit einem Achtzigjährigen im Birkenkamp, dem viele Jahrzehnte kein Gehör geschenkt wurde. Er wusste genau, dass sich noch ein alter Blindgänger unter einer Spielhütte befand. Als ein neuer Besitzer schließlich die Entschärfer anforderte, wurden Kollath und seine Leute in vier Metern Tiefe dann doch fündig. Der alte Herr brach in Tränen aus. „So etwas bewegt einen, so etwas vergisst man nicht“, sagt Kollath.

Das Besondere am Einsatzort Schleswig-Holstein sind natürlich seine beiden Meere und die zahlreichen Binnengewässer. Für diesen speziellen Bereich sind die Taucheinsatzleiter zuständig. Morgens wird der Polizei und den Fischern Auskunft über das Vorhaben erteilt. Auch hier wird der Bereich meist nach konkreten Positionen abgesucht. Seit 2013 hat sich das Tätigkeitsfeld um das Verkehrstrennungsgebiet der Kieler Förde erweitert. Dort fanden die Taucher seither ca. 45 englische Grundminen, mehrere Torpedoköpfe und zahlreiche Kleinmunition.

Kapitel IV
Letzte
Station

Bombenfunde-in-Kiel_Header-Kapitel-04

Kanone

Kapitel IV - Letzte Station Bevor die Munition endgültig in Verbrennungsanlagen vernichtet werden kann, muss sie auf dem Gelände zwischengelagert werden. Diese Weiterleitung findet sehr unregelmäßig statt. Mal wöchentlich, mal nur einmal im Quartal.

geka-munster.de / Entsorgung Kampfmittel

Die Bomben bestehen jetzt nur noch aus dem reinen Körper mit Sprengstoff. Sämtliche Zündsysteme werden bereit vor Ort entfernt.

Auch kleine Pistolenpatronen, über Granaten bis hin zu Torpedoköpfen landen in einem Kleinteillager. In speziell abgesicherten Boxen warten sie schließlich auf ihre Abholung. Bei Unsicherheiten muss direkt vor Ort gesprengt werden. „In nächster Zeit wird dies vermutlich häufiger der Fall sein, da sich der Zustand der Munition nach mittlerweile 70 Jahren in den Wäldern und Gewässern so stark verändert hat“, so Ocklenburg.

Trotz der hohen Gefahr die dieser Beruf mit sich bringt, passieren relativ wenig Unfälle. Der letzte ereignete sich 1990.

Die geringe Unfallquote der letzten Jahrzehnte bestärkt die Mitarbeiter und gibt ihnen die nötige Sicherheit.

Auch wenn der reguläre Feierabend um 16 Uhr beginnt - der Kampfmittelräumdienst in Schleswig-Holstein hat stets Bereitschaftsdienst und ist somit jederzeit einsatzbereit.

Vielen Dank an die Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes Schleswig Holstein.

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