Wik, Kanal
Stephanie Degenhart & Benno Jonitz       Sonntag,05.10.2014 | 13:50 Uhr

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Bodenständig abheben

Es ist einer der ältesten Träume der Menschheit: Zu fliegen und in Räume vorzudringen, die dem Menschen normalerweise verborgen bleiben. Ein Traum, den sich die Segelflieger des Luftsportvereins Kiel erfüllen. Was sie dafür brauchen, ist vor allem Teamgeist, Wissen und Zeit.

Das blaue Schiebetor der Flugzeughalle öffnet sich widerspenstig. Schleifend bewegt es sich durch seine Laufschienen – und gibt den Segelflugzeugen des Luftsportvereins den Weg auf den Flugplatz frei. Es ist ein Samstag im Frühsommer, kurz nach neun Uhr. Noch liegen die Segelflugzeuge in der großen Halle – geschickt sind sie mit ihren ausladenden Tragflächen ineinander verschachtelt. Langsam füllen sich die Räume des Luftsportvereins in Kiel Holtenau mit Leben – an die Flugzeughalle grenzen Gemeinschaftsräume, eine Werkstatt und das Fliegercafé.

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Am Anfang steht die Arbeit

Zwei Piloten der Jugendgruppe bereiten das erste Flugzeug auf den Start vor. Konzentriert prüfen sie das Cockpit. Auf Beschädigungen. Auf Fremdgegenstände. Auf Vollständigkeit. Sie kontrollieren die Gurte, die Fallschirme, die Batterie. Sie testen die Funkanlage, die Instrumente, die Ruderanschlüsse. Die Stille dort oben, sagen sie, das sei das Besondere am Segelfliegen. Ohne Motor, der die ganze Zeit dröhnt. Keinen Motor zu haben, heiße aber auch, die Technik zu beherrschen, die Physik zu verstehen. Strategisch fliegen zu müssen, auch das mache die Faszination aus. Mit ruhigen Händen klebt einer der beiden einen letzten schmalen Spalt am Flügelanschluss ab.

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Die Sicherheit fliegt mit:

Was muss beim Flugzeugcheck berücksichtigt werden?

René Lancelle, erster Vorsitzender des Luftsportvereins, hat heute „Windendienst“. Die Seilwinde zieht die Segelflugzeuge später in die Luft. Montiert ist sie auf einen alten MAN Transporter, dessen rote Farbe die Witterung über die Jahre ausgeblichen hat. Lancelle dreht den Zündschlüssel. Wie ein altersschwacher Ochse schnauft der 230 PS starke Dieselmotor, stottert – und findet schließlich seinen Takt. Beißender Dieselgeruch und dunkle Abgase ziehen sich durch die Luft. Lancelle lässt das Windenfahrzeug warm laufen und bringt es dann auf Position, 800 Meter entfernt von den Flugzeugen. Sehen kann er sie von hier aus nicht – wie ein Uhrglas wölbt sich der Flugplatz gen Himmel und verdeckt die Sicht auf die andere Seite. Auf seinem Rücken trägt das Windenfahrzeug einen Korb aus kräftigen Metallstreben. Wenn das Windenseil beim Anziehen reißt – bis zu fünfmal am Tag sei das schon vorgekommen – ist der Windenfahrer hier geschützt. Drei Sitze befinden sich in dem großen Metallkorb, im mittleren wartet René Lancelle jetzt auf das Startsignal. Sein Radio läuft. Popradio hört er, wenn er hier sitzt und wartet. Bloß keine Volksmusik.

Faszination Segelfliegen

Die Segelflieger Timmy, Marvin, Christian, Henning und André erzählen: Was macht das Segelfliegen besonders?

1975 ist Lancelle in den Luftsportverein eingetreten. Die Zeiten haben sich geändert. „Heute ist nicht mehr ganz so viel los wie früher.“ Jugendliche haben heute ein breites Freizeitangebot. Außerdem käme das virtuelle Leben dazu. Das Leben aus zweiter Hand, wie er es nennt. Ins Fliegen müsse man sich rein beißen und dran bleiben, sagt er.

Über die Wiese ruckelt ein ockerfarbener Volvo auf das Windenfahrzeug zu. Baujahr Ende der 70er. „Lepo“ wird das Auto in der Fliegersprache genannt, das nicht nur die Flugzeuge von ihrer Landeposition zurück zum Start schleppt, sondern auch die Stahlseile an der Winde abholt und sie zu den Segelflugzeugen bringt. Seinen Namen hat der Lepo („Opel“ rückwärts gelesen) Erzählungen zufolge auf dem Flugplatz Wasserkuppe an der Rhön erhalten, wo man früher einen alten Opel zum Zurückholen der Seile verwendet hat. Die Segelflieger klinken das Seil in ein Geweih auf dem Dach und ruckeln mit gleichmäßiger Geschwindigkeit davon.

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Bitte einsteigen

Fluglehreranwärter Michael Emde steht neben dem Schulungsdoppelsitzer, einer ASK 21. Eine Spannweite von 17 Metern hat das Flugzeug – bei gerade mal gut acht Metern Länge. Wie einen Rucksack legt Michael Emde sich den manuellen Fallschirm an, zurrt ihn fest. Den manuellen Fallschirm muss er im Notfall aktivieren, schnell und geistesgegenwärtig reagieren. Wenn Fluggäste mit an Bord genommen werden, wird ein automatischer Fallschirm verwendet, der mit der Reißleine an das Flugzeug geklinkt wird und sich beim Sprung automatisch öffnet. Michael Emde nimmt hinter seinem Schüler im Doppelsitzer Platz, spricht mit ihm über die Wetterbedingungen und die Wirkung der verschiedenen Ruder. „Die jüngeren Schüler lernen eher aus dem Bauch, da schleift sich die Motorik für die Instrumente fast von selbst ein“, sagt Michael Emde, „Die älteren lernen etwas kopfgesteuerter.“

Was muss ein Segelflieger mitbringen?

Und was muss er in seiner Ausbildung lernen? Fluglehrer Horst Tengeler hat die Antworten.

Wie sind Marvin und Henning zum Fliegen gekommen?

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Ein alter blauer VW-Bus steht einige Meter von den Flugzeugen entfernt. Die Vereinsmitglieder haben ihn selbst zum mobilen Tower umgebaut: Über einer rot-weiß gestreiften Borte türmt ein großer Plexiglaskasten auf dem Dach, etwa einen halben Meter ist er hoch. Von hier aus hat der Startleiter den Flugplatz in alle Richtungen im Auge. Ein Windsack an der Flugfunkantenne zeigt die Windrichtung an. Im Wagen steht ein Computer, in dem jeder Start dokumentiert wird. Außerdem ein Telefon. Von hier aus gibt Christian Hennig, Gruppenreferent der Segelflieger, das Startsignal an die Winde. An jedem Start sind mindestens fünf Personen beteiligt. „Wie beim Fußball braucht man eine ganze Mannschaft“, sagt Christian Hennig, „Allein kommt hier keiner hoch.“

Hoch hinaus

Die Haube des Flugzeugs wird geschlossen. Sofort staut sich die Hitze unter dem dicken Plexiglas. Jedes gesprochene Wort klingt dumpf wie früher in einer Telefonzelle, jedes andere Geräusch scheint abgeschottet. Das eingeklinkte Stahlseil spannt sich straff, beginnt am Flugzeug zu zerren. Der glasfaserverstärkte Kunststoffrumpf knarrt noch einmal unter der Spannung. Sekundenbruchteile später wird das Flugzeug in die Luft katapultiert. Die immense Kraft bei der Beschleunigung drückt das Körpergewicht in den Sitz. Kein klarer Gedanke scheint auf dem Weg nach oben schnell genug hinterher zu kommen. Nur Sekunden später klinkt das Windenseil auf 400 Metern Höhe aus.

So kommt das Flugzeug in die Luft

Segelfliegen ist ein Teamsport. Bei jedem Windenstart packen viele Hände mit an.

Schwerelos scheint das Flugzeug nach dem Ausklinken in der Luft zu stehen. Gehalten wird es durch eine Sog- und Druckwirkung um die Tragflächen. Der enge Plexiglaskäfig scheint sich in alle Richtungen ausgeweitet zu haben. Ungewohnt, gleichzeitig aber berauschend ist die dreidimensionale Bewegung im Raum – losgelöst vom Boden. Kein Baum begrenzt den Weg nach rechts. Kein Straßenschild begrenzt den Weg nach links. Kein Asphalt begrenzt den Weg nach unten. Der Blick aus der Haube gibt die Sicht auf Kiel frei. Auf die Wassermassen der Förde, auf die Kräne der HDW, auf die Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals, auf das Ehrenmal von Laboe. Formen und Farben wirken einfach – Details scheinen sich über die Höhenmeter zu verlieren.

Der Landeanflug beginnt: Eine der kritischeren Phasen des Segelflugs, denn es steht keine Motorkraft für Korrekturen zur Verfügung. Der Pilot nimmt Fahrt auf, die Nase drückt sich leicht Richtung Boden. Mit einer Endanflugkurve geht der Segelflieger dicht über die angrenzende Bundesstraße hinweg und nimmt Kurs auf den Flugplatz. Wenige Meter über dem Boden wird das Flugzeug abgefangen, dabei der Steuerknüppel so zurückgezogen, dass sich die Flugzeugnase kurz vor dem Landen hebt. Zweimal setzt es hart auf dem Boden auf, die Tragflächen taumeln nach der Erschütterung hoch und runter. Das Flugzeug rollt noch einige Meter ruckelnd über die Wiese – kommt dann zum Stehen.

Bei fehlender Thermik dauert ein Flug nur wenige Minuten. Will der Pilot den Flug verlängern, muss er strategisch fliegen und Thermikfelder suchen. Thermik ist eine Art von Aufwind, die dadurch entsteht, dass sich die Erdoberfläche durch Sonneneinstrahlung erwärmt. Die Erdoberfläche wiederum erwärmt die darüber liegende Luft. Bodenwind drückt die erwärmte Luft gegen Hindernisse – Waldkanten, Hänge oder Bebauungen – sogenannte Abrisskanten. Sie steigt nach oben auf und kann das Segelflugzeug mit in die Höhe tragen. Am Himmel kondensiert die warme Luft und wird zu einer Cumuluswolke. Auf diese Wolken steuert ein Segelflieger zu. Findet er eine solche Stelle, kreist er wie ein Greifvogel in der Luft und kann bis zu drei Meter pro Sekunde an Höhe gewinnen. Flüge über mehrere Stunden mit Reichweiten von über 1.000 Kilometern werden so möglich. Zu fliegen, sagt René Lancelle, das seien Erlebnisse, die könne man kaum beschreiben. Mit seinen Fingern malt er Wolken in die Luft. „Zwischen den Wolken spielen – über Grenzen fliegen – über Meere fliegen. Das geht so ans Herz ran. So ans Gemüt ran. Einfach das, was uns unten so mühsam erscheint, so klein und leicht werden zu lassen.“ In Kiel verhindert der ins Land kommende Ostseewind oft, dass sich die nötigen Thermikfelder bilden.

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Nach neun Stunden Segelflugbetrieb hat die Sonne die Seite des Flugplatzes gewechselt, steht nun tief im Westen. Die Segelflieger befreien ihre Flugzeuge von Staub und Schmutz. Sie zirkeln sie zurück in die Halle, geschickt werden ihre ausladenden Tragflächen ineinander verschachtelt. Das blaue Schiebetor der Flugzeughalle wird verschlossen. Schleifend bewegt es sich durch seine Laufschienen.

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