Pillauer Straße
Rika Bergmann, Melanie Gdanitz, Johanna Jannsen       Donnerstag,11.06.2015 | 16:41 Uhr

Pillauer Straße

Auf den Spuren der Erinnerung

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Auf den Spuren der

Erinnerung

Auf den Spuren der Erinnerung

Auf den Spuren der Erinnerung

Man lebt zweimal: das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung. Honoré de Balzac

„Erst vor wenigen Jahren ging in Deutschland eine Zeit zu Ende, in der den Angehörigen der Kriegskinderjahrgänge der Gedanke noch völlig fremd war, sie hätten als Generation ein besonderes Schicksal. Der Satz “Ich bin ein Kriegskind” fiel äußerst selten, und noch seltener sprach ihn jemand unbefangen aus.

Als dieses Buch¹ 2004 erschien, waren die Spätfolgen des Krieges in der deutschen Bevölkerung noch nicht erforscht. Der Begriff “Trauma” wurde im Wesentlichen im Zusammenhang mit den Opfern des Nationalsozialismus genannt. Ein öffentliches Interesse am Thema “deutsche Kriegskinder” existierte nicht. Es erwachte erst im April 2005,ausgelöst durch den ersten großen Kriegskinderkongress in Frankfurt am Main. Hatten sich die öffentlichen Medien bis dahin überwiegend auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus konzentriert, wurden nun dem Themenkomplex “deutsche Vergangenheit” die Schrecken von Bombenkrieg und Vertreibung aus Kindessicht hinzugefügt.

An Zeitzeugen herrscht kein Mangel. Jahrzehntelang hatten die Kriegskinder ihre frühen Traumatisierungen verdrängt oder auf Abstand gehalten, doch nun war die Zeit reif, Worte für Erlebnisse zu finden, die bis dahin unaussprechbar gewesen waren. Was dabei sichtbar wurde: Natürlich hat die Begegnung mit Kriegsgewalt und Heimatverlust im späteren Leben Folgen, auch wenn die Betroffenen nicht wahrnehmen, wodurch sie untergründig gesteuert werden.

Erst jetzt, im Alter, werden sich viele dessen bewusst und fangen an, sich Fragen zu stellen. Häufig setzen sie sich damit auseinander, indem sie ihre Kindheitserinnerungen aufschreiben.”

Bode, Sabine: “Die vergessene Generation”, 12. Auflage, Stuttgart, Klett-Cotta, 2004, S. 11

Weiterführender Link:
Buch: "Die vergessene Generation"

Johanna Jannsen

Ich habe Hemmungen

Ich lege die losen DIN-A4 Zettel aus der Hand. Das Manuskript von Opa liegt nun schon Monate auf meinem Schreibtisch und wartet darauf gelesen zu werden. Aber irgendwie habe ich Angst davor. Angst ist vielleicht das falsche Wort. Ich habe Hemmungen. Hemmungen vor Opas Erlebnissen aus einer Zeit, die ich nur aus dem Geschichtsunterricht oder aus Filmen kenne. Eigentlich widersprüchlich: war es nicht der Zweite Weltkrieg, der mich im Schulunterricht so fasziniert hat? Und war ich es nicht, die stolz von ihrem Opa erzählte, der den Krieg als 11-jähriger Junge miterlebt hat?

Als Einzelkind in der Nähe der dänischen Grenze aufgewachsen, habe ich, Johanna, meine Kindheitstage oft bei Oma Anni und Opa Günter verbracht. Das Haus meiner Eltern liegt nur fünf Minuten Gehweg von dem meiner Großeltern entfernt, sehr praktisch also, um nach dem Kindergarten, der Schule oder einfach zum Mittagessen vorbeizukommen. Gemeinsam bin ich mit meiner Oma und Opa nach London gereist, zwei Jahre darauf ging es ins fernöstliche Dubai. Nach meinem Abitur verbrachte ich ein halbes Jahr im Ausland. Nicht nur der Abschied meiner Eltern fiel mir dabei schwer, sondern auch der meiner Großeltern. Heute studiere ich Multimedia Production an der Fachhochschule in Kiel und fahre an meinen freien Tagen regelmäßig nach Hause.

Jungvolk-Pimpf Günter 1944

Jungvolk-Pimpf Günter 1944


Opa hat seine Erlebnisse aufgeschrieben und mir, seiner Enkelin, gewidmet. Zuerst waren es mosaikartige Gedankenfetzen, doch nach einiger Zeit kam die Idee, alles geordnet in einem „Kindheitserinnerungs-Buch“ schriftlich niederzuschreiben. Noch ist es kein gebundenes Buch und es steht noch einige Arbeit an, bevor es in gedruckter Form in unseren Händen liegt. Der Grundstein ist allerdings gesetzt. Doch wie kommt Opa erst nach fünfzig Jahren dazu, seine Kindheitserinnerungen aufzuschreiben? Bedingt durch eine plötzlich auftretende Herzkrankheit im Jahr 1994 und mehrere folgende Operationen und Klinikaufenthalte wurden bei Opa im 60. Lebensjahr Kindheitserlebnisse von damals geweckt, die zum größten Teil verdrängt worden waren. Es waren und sind markante, aber auch traumatische Erfahrungen und Erlebnisse, die sich in seinem Kopf und in der Seele verhakt hatten und nach einem halben Jahrhundert wieder frei und lebendig wurden. Er hatte den plötzlichen Drang, das Erlebte schriftlich niederzulegen.

Um sein Buch zu realisieren, hat Opa Dank der Deutschen Wiedervereinigung jahrelange Recherchen durchführen können. Dabei hat er viele hilfsbereite Menschen kennengelernt, hauptsächlich in Sachsen, in Brandenburg und in Berlin. Mehrmals gab es Wiedersehen mit Personen, die die Ereignisse 1945 zusammen mit ihm erlebt hatten. Weitere Quellen von Opas Erfahrungsgeschichte sind seine eigenen Erinnerungen, persönliche Aussagen seiner Eltern, meiner Urgroßeltern Grete und Hans. Dazu kommen diverse Dokumente und Briefe von Zeitzeugen.

Ich frage mich, wie es jemandem damit geht schreckliche Erlebnisse durch das Erinnern wieder hervorzuholen und diese nochmals zu durchleben? Der einzige Weg Antwort auf meine Frage zu bekommen ist zu lesen und nachzufragen. Doch ich fühle mich unwohl dabei. Zu sehr steht die Angst im Raum, dass ich Opa durch meine Fragen verletze und alte Wunden wieder aufreiße. Inwieweit weiß Oma von Opas Erlebnissen? Hat Opa mit Mama über seine Vergangenheit gesprochen? Wird das Buch uns in irgendeiner Weise beeinflussen?

Günters Erlebnisse zwischen 1943-1945

Kiel / Heimat

Berlin - Jan. 1945

Cottbus - Jul. 1945

Dresden - Feb. 1945

Günter Ahlers

Es ist ein kurioser Vergleich

Opa liest das Vorwort:

Weiterführender Link:
Infotext: Bombarierung Dresden

„Es ist ein kurioser Vergleich“: Wo ich nun seit 2 Jahren studiere, stand meine Urgroßmutter Grete, vor über 70 Jahren, in der staatlich angeordneten Arbeitspflicht. Die Marine-Rüstungsfirma “Anschütz & Co. GmbH” lag am Heikendorfer Weg Nr. 9 in Kiel-Dietrichsdorf, wo heute die Schmerzklinik Kiel ansässig ist. Im Januar 1945 musste Opa dann mit seiner Mutter aufgrund der angeordneten Betriebsverlagerung seine Heimatstadt Kiel verlassen und in die Nähe von Dresden ziehen. Im Alter von 11 Jahren erlebte er am eigenen Leib die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, die damit verbundene paramilitärische Ausbildung zum Jungvolkpimpf, die Bombardierung von Dresden, die Verbrechen der sowjetischen Soldaten beim Einmarsch und die Heimat-Rückführung über Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern.

Es ist kaum vorstellbar, wie er diese Situationen in Dresden und Cottbus als kleiner Junge verkraftet hat. Wie kann man so etwas verarbeiten und anschließend ein “normales” Leben führen?

Prof. em. Dr. Günter Köhnken

Zeit heilt alle Wunden

Nachdem ich erfuhr was Opa erleiden musste, sagte er mir: “Es braucht nichts vergessen zu werden, aber die Wunden werden geheilt." Ich bin mir nicht sicher, wen er mit dieser Aussage ermutigen will; mich oder sich selbst. Dass Opa ein Buch über die Zeit als Kriegskind geschrieben hat und mittlerweile unsere Familie an seiner Vergangenheit teilhaben lässt, zeigt mir, dass er wichtige Schritte der Aufarbeitung schon gegangen ist.

Ich habe einen Psychotherapeuten aufgesucht, weil ich wissen wollte, ob vollständiges Vergessen oder Überwinden traumatischer Ereignisse überhaupt möglich ist. Prof. em. Dr. Günter Köhnken erklärt mir, dass allein das Aufschreiben des Erlebten eine große Erleichterung und Entlastung für Betroffene sein kann. Viele Menschen litten ihr Leben lang unter Traumata. Sie sprächen jedoch oft Jahrelang nicht über diese. Der Grund dafür sei, dass sie so stark unter den negativen Affekten leiden würden, dass sie lieber schwiegen, als zurückzudenken. Die Gefahr der Verdrängung sei, dass völlig zufällig und unkontrolliert Flashbacks auftreten können. Ausgelöst werden sie beispielsweise durch Gerüche, Geräusche oder auch physische Schmerzen. Als ich das erfuhr, erkannte ich ähnliche Symptome bei Opa wieder. Hervorgerufen wurden seine Flashbacks durch physische Schmerzen, die ihn an ähnliche Beschwerde aus seiner Kindheit erinnerten. Immer wieder kamen starke Alpträume in der Nacht dazu. Auch Köhnken glaubt, je größer der zeitliche Abstand zum Erlebten wird, desto weniger belastend wirken die Erlebnisse.

Psychologische Hilfe speziell für Kriegskinder gab es damals noch nicht, denn diese schwiegen all die Jahre. Ihr Schicksal interessierte lange Zeit nicht. Heute gibt es spezielle Kliniken, welche sich ausschließlich mit traumatisierten Patienten höheren Alters beschäftigen. Auch die Kinder und Enkel der Kriegskinder beginnen, sich mit der "vergessenen Generation" zu beschäftigen. Sie wollen verstehen, warum ihre Eltern bzw. Großeltern so sind, wie sie sind. Meine Angst war groß, diese Zeit anzusprechen. Prof. em. Dr. Günter Köhnken glaubt allerdings, es falle Leidtragenden leichter mit den Enkeln zu sprechen, weil das Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln oft unbelasteter sei, als das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Im Gegensatz zu den Eltern, hätten die Großeltern keine Erziehungsverantwortung gegenüber den Enkeln - dazu kommt der größere zeitliche Abstand zu der dritten Generation.

Psychologe Prof. em. Dr. Günter Köhnken spricht über die Verarbeitung von Traumata

Oma erzählt von Opas Alpträumen

Anja Jannsen

Es war einfacher zu sagen: “Lies das Buch!”

Günters Tochter Anja beschäftigt sich mit dem Buch

Opa wollte immer, dass Mama und ich sein Buch lesen. Vielleicht hatte er Angst davor, das erste Mal persönlich mit uns über die Geschehnisse zu sprechen. Das Buch hat bei der Verarbeitung seiner Erlebnisse eine große Rolle gespielt, allerdings hat es nicht nur ihm geholfen. Auch uns hilft das Buch, seine Vergangenheit nachvollziehen zu können. Besonders für Mama, die vorher nie mit Opa über die Zeit während des Krieges geredet hat, ist es eine besondere Situation. Es war für Opa einfacher zu sagen: “Lies das Buch!”, anstatt mit ihr oder jemand anderem drüber zu sprechen. Es sind Seiten gefüllt mit emotionalen Kindheitserinnerungen aus einer grausamen Zeit und trotzdem ist es sachlicher und weniger emotional als ein Gespräch. Man könnte sagen, das Buch steht dabei als eine Art Vermittler zwischen uns und ebnet uns den Weg von nun an offener mit dem Thema umzugehen.

Ich denke für Opa war es wichtig, dass eine gewisse Zeit vergehen musste, bis er sich wieder mit seiner Vergangenheit beschäftigen konnte. Nachdem ich das Buch gelesen habe, kenne ich Opa besser. Seine Vergangenheit und die Erlebnisse im Krieg sind mir greifbarer geworden. Auch wenn das Hineinversetzen in seine Kindheit mich oft mit Wut und Trauer versetzte, bin ich glücklich und stolz, dass er sich uns anvertraut hat. Es kostete ihn wahrscheinlich eine Menge Überwindung, seine Vergangenheit offen darzulegen und damit ein jahrzehntelanges Schweigen zu brechen. Was wäre wohl gewesen, wenn er sich nicht dazu entschlossen hätte, sich seiner Vergangenheit zu stellen? Es würde kein Buch geben, das ist klar. Einen Vermittler zwischen den Generationen gäbe es ebenfalls nicht.

Vielleicht hätten wir das Gespräch trotzdem gefunden? Sicher bin ich mir da nicht.

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