Elendsredder
Anna Lisa Hohlfeld       Mittwoch,14.03.2018 | 16:44 Uhr

ElendsredderReportage

Am liebsten jagen sie nachts

Dieser Beitrag ist als Prüfungsleistung im Wahlmodul "Campusredaktion II" entstanden. Als Teil der Prüfung im Sommersemester 2017 wurde er weder redaktionell bearbeitet noch redigiert. Er ist eine rein studentische, eigenständig erstellte Leistung.

 
 

Am liebsten jagen sie nachts


„Einmal wurden wir auch schon von der Polizei angehalten, da sind wir nachts am Schifffahrtsmuseum unterwegs gewesen“, erzählt er. „Was machen Sie denn hier um diese Uhrzeit?“ hatten die Polizisten gefragt. „Wir suchen etwas…“, kam es zögerlich aus dem Auto. „Was genau suchen Sie denn?“ Die beiden Mitfahrer blickten sich schulterzuckend an und nach einer Pause antworteten sie vorsichtig: „Wir… wir suchen… Pokémon...“

GrueneHecke, so sein Spielername, sitzt auf einer Bank an der Kiellinie. Er grinst beim Erzählen dieser Geschichte: „Die Polizisten mussten auch lachen über die harmlosen Nerds.“ Neben ihm steht sein Fahrrad. Am Lenker eine Handy-Halterung, darin sein iPhone. Das Ladekabel der Powerbank um die Stange geschlungen, sodass es von der Satteltasche zum Handy reicht. Er ist heute mal wieder jagen. Pokémon jagen. Seit Juli 2016 spielt er aktiv Pokémon Go. Auch tiefste Temperaturen im Winter hatten ihn nicht davon abhalten können, sich mit fünf Pullovern bekleidet auf sein Rad zu schwingen, um Pokémon zu jagen. Heute ist er einer der ersten sechs Spieler in Kiel, die das höchste Level erreicht haben.


Pokémon Go ist ein Smartphone-Spiel, bei dem Spieler virtuelle Monster (Pokémon) fangen, entwickeln und zu Team-Kämpfen in Arenen einsetzen können. Hierbei gibt es drei verschiedene Teams: Rot, Blau und Gelb. Das Spiel basiert auf dem GPS-ermittelten Standort der Spieler, das heißt, dass die Pokémon auch nur an bestimmten Orten zu fangen sind. Deshalb spornt es die Spieler an, sich an verschiedenste Plätze zu begeben. Um das Ganze effektiver zu gestalten, haben sich einige Kieler Spieler zusammengetan und die sogenannte Pokémap programmiert. Durch das Einsetzen von Bots* kann man so auf einer Karte sehen, wo welches Pokémon erscheint, wie stark es ist und für welchen Zeitraum es hier zu finden sein wird.

Alleine oder zusammen mit einem Kumpel fährt GrueneHecke tagsüber oft mehrere Kilometer Fahrrad am Tag. „Pokéfitness“ nennen sie das. In seinem Urlaub letzte Woche war er täglich sechs Stunden unterwegs, circa 80 Kilometer pro Tag. Er setzt sich ein Pokémon als Ziel, welches er auch in einer gewissen Zeit erreichen muss, sonst ist es weg! So gibt es einen Anreiz, den ausgesuchten Ort in einem festen Zeitrahmen zu erreichen. „Wenn mir mein Fahrradtrainer sagen würde: ‚Mach die Strecke in 20 Minuten!‘ Okay, dann kann ich das machen, aber davon habe ich ja nicht wirklich was“, erklärt GrueneHecke. „Ich bin dann wie ein Hund, dem man ein blaues Relaxo Bonbon hingeworfen hat. Ich muss es dann einfach haben!“

Um mehr besondere Pokémon erreichen zu können, steigt er auch mal auf das Auto um. „Das Fahrrad eignet sich gut für einen kleineren Umkreis und allgemein fürs Farmen. Will man flexibler sein und gezielt jagen, dann ist das Auto doch sinnvoller.“ Nach der Veröffentlichung im Sommer 2016 war ein regelrechter Hype um das Spiel entstanden. Massen von Menschen sammelten sich an sogenannten Pokéstops und Hotspots, um gemeinsam die bunten Monster zu fangen. Allerdings ebbte dieser Hype schnell ab. Kaum einer denkt heute noch an das Spiel. Doch es gibt sie noch: die Pokémon Trainer. Und GrueneHecke ist nur einer davon. Das Spiel hat eine starke Community von Spielern, die sich gegenseitig unterstützen und gemeinsame Aktionen planen. Vor allem die verschiedenen Teams organisieren sich untereinander, um den internen Kampf der Farben um die Arenen zu gewinnen.

„Einmal haben wir uns abends mit 40 Leuten aus Team Blau getroffen, uns auf mehrere Autos verteilt und dann einen Großangriff auf die Gelben Arenen gestartet“, berichtet GrueneHecke. „Das gefällt mir mit am besten. Man lernt viele neue Leute kennen und die Spieler helfen und erkennen sich gegenseitig“.

Er schiebt sein Fahrrad die Kiellinie entlang. Die Sonne genießen, draußen sein, dann macht das Jagen doch gleich viel mehr Spaß! Und anstatt alle paar Meter auf sein Handy zu gucken, bleibt sein Blick aufmerksam auf seine Umgebung gerichtet. „Früher habe ich immer noch per Hand gefangen“, sagt er, „heute fange ich nur noch besondere selber“. Per Hand fangen, das bezeichnet die herkömmliche Fangmethode: mit dem Finger auf dem Display den Pokéball auf das Pokémon werfen. GrueneHecke benutzt jetzt ein GoPlus. Das kleine Gerät in seiner Hand, nicht größer als eine Armbanduhr, vibriert wenn sich ein Pokémon oder Ähnliches in der Nähe befindet. „So komme ich viel schneller voran! Man kann ordentlich viele Kilometer machen und trotzdem farmen.“ Ganz nebenbei drückt er den kleinen Knopf oben auf dem Gerät und es fängt oder sammelt von alleine.

„Meine Familie hat dafür anfangs nicht so viel Verständnis gehabt“, sagt GrueneHecke schulterzuckend. „Inzwischen aber schon. So viel unterscheidet es sich zum Beispiel ja auch nicht vom Geocaching. Es ist halt mein Hobby. Andere Menschen haben auch seltsame Hobbys, die ich nicht verstehe“. Die meisten Spieler mit Familien, Frauen und Kindern finden nach einiger Zeit eine Routine, wie das Hobby Pokémon Go in den Alltag eingebunden werden kann. GrueneHecke berichtet lachend von Freunden, deren Frauen ihnen Aufgaben erteilen, bevor sie „spielen gehen“ dürfen. „Mein Kumpel hat das dann alles ganz schnell fertig gemacht und danach konnten wir losziehen.“ Er erzählt auch, dass viele der Spieler aus den unterschiedlichsten Altersstufen kommen. Von Kindern bis zu 50-Jährigen ist alles dabei – vom Berufstätigen über den Familienvater bis hin zur Hausfrau. Deshalb treffen sie sich häufig eher spät zum Jagen. Oft fahren sie dann mit dem Auto, um besonders seltene Pokémon zu erreichen.

„Nachts zu spielen ist häufig entspannter“, meint GrueneHecke. „Es gibt weniger Verkehr und mehr Spieler haben Zeit, wenn die alltäglichen Verpflichtungen von Arbeit und Familie erledigt sind.“ So auch an diesem Abend. GrueneHecke ist mit Phr0zenPhara0 und Doubledieter im Auto unterwegs. Alle sind Anfang 30 und haben Frau und Kinder. Heute wollen sie Larvitare farmen. Dieses besonders seltene Pokémon erscheint in den letzten Tagen häufiger – ein Event der Spielmacher. Sie lassen sich von ihrem Navigationssystem zum nächsten Larvitar leiten. Das gewünschte Ziel befindet sich in einer Einbahnstraße. „Sowas gilt für uns Pokémon-Spieler nicht“, merkt Phr0zenPara0 schmunzelnd an und deutet nach vorn in die Straße. Entgegen der Fahrtrichtung steht bereits ein weiterer Wagen. Die Warnblinker leuchten in der einbrechenden Dämmerung. „Das sind die Roten!“, erklärt GrueneHecke. Man kennt sich inzwischen untereinander. Es wird gegrüßt, gelacht, dann fahren beide Autos – entgegen der Einbahnstraße – weiter. Das nächste Ziel wird eingegeben. Während der Fahrt erzählt Phr0zenPhara0: „An manchen Orten erinnere ich mich immer daran, was ich hier letztens gefangen habe. Vorher habe ich nicht so viele Ecken von Kiel gekannt!“ Lachend fügt er hinzu: „Meine Frau findet das nicht immer witzig, aber sie akzeptiert es. Einmal sind wir Hand in Hand am Wasser entlanggegangen. ‚Ach es steht doch immer etwas zwischen uns‘ hat sie geseufzt und auf das GoPlus geblickt, das zwischen unseren beiden Händen steckte.“

Der nächste Halt ist beim Düsternbrooker Gehölz. Gemeinsam steigen die Männer aus und schalten die Taschenlampen ihrer Handys ein. „Manchmal treffen wir uns auch alle ganz zufällig nachts auf dem Friedhof, wenn da halt was spawnt“, berichtet GrueneHecke, „Das sieht dann aus wie Geister, die da herumspuken durch das Licht der Displays“.

Auch hier sieht man zwischen den Bäumen Lampen aufblitzen und hört die anderen Pokémon-Jäger rufen: „Team Rot an die Macht! Team Blau ist Scheiße!“

„Manchmal erlebt man dadurch richtige kleine Abenteuer und vor allem kommt man an Orte, zu denen man anders nie hinfahren würde!“, betont GrueneHecke. „Das finde ich auch einfach besonders toll!“ Eines Nachts „spawnt“ ein besonders seltenes „Mon“, wie die Spieler sie abgekürzt nennen, auf einer Weide irgendwo auf dem Land. Nachdem sie mit Hilfe der Pokémap so dicht wie möglich an den Ort herangefahren sind, halten sie am Straßenrand. Der Fahrer wartet im Wagen, während die Mitfahrer sein Handy mitnehmen und aussteigen, um sich auf die Suche zu machen. Also laufen sie über den Acker in Richtung des gesuchten Mons, bis sie auf einen Stacheldrahtzaun stoßen. Die anderen wollen schon aufgeben, doch das ist nichts für GrueneHecke! Nun mit vier Handys in der Hand klettert er über den Weidezaun und stapft durch wadentiefen Matsch bis er das gesuchte Mon endlich gefunden hat – gerade noch rechtzeitig, eine Minute bevor es verschwand!

„Ein anderes Mal hatten wir eine durch Bots verseuchte Arena auf einem eingezäunten Fabrikgelände entdeckt. Es wurde entschieden, dass ich mich darum kümmern sollte, sie frei zu kämpfen. Um diese Arena zu erreichen, musste ich also nachts zu dem Gelände fahren und über den hohen Zaun mit spitzen Zacken klettern. Noch eine Woche danach habe ich Abdrücke davon auf meiner Handfläche gehabt…“, amüsiert betrachtet er seine Hände. Und auch hier war er nicht allein geblieben. Aus der Ferne erschienen helle Autoscheinwerfer und ein Wagen parkte vor dem Zaun. „Das waren die Gelben. Sie waren sogar mit einer Fußmatte bewaffnet, die sie über den Zaun legten, damit sie leichter über die Zacken klettern konnten!“

Noch während er die Geschichte erzählt, ertönt ein lautes „Pling“ von GrueneHeckes Handy am Fahrradlenker. Er blickt auf den Bildschirm. „Ich glaube, ich muss jetzt leider los. Ein seltenes Heiteira ist aufgetauch. In Meimersdorf. Noch 29 Minuten.“ Nachdenklich tippt er auf das Display. „Okay, laut Navi dauert das 32 Minuten mit dem Rad, das schaffe ich!“






*Fachbegriffe des Spiels werden im folgenden Glossar der Reihenfolge ihres Erscheinens nach erklärt:
Bots: Computergesteuerte Accounts, die die Umgebung nach Pokémon abscannen
Relaxo: Name eines seltenen Pokémons – es ist blaugrün, dick und schläfrig
Farmen: Alle Pokémon fangen, die erscheinen, um möglichst viele Punkte zu sammeln
Larvitar: Name eines seltenen Pokémons – es ist klein, grün und in der dritten Entwicklung eines der stärksten, die es gibt
Spawnen: Das Erscheinen der Pokémon
Durch Bots verseuchte Arena: Die Pokémon in der Arena sind computergesteuert. Sie besetzen die Arena auch, wenn kein Spieler anwesend ist, und blockieren sie so.
Heiteira: Name eines seltenen Pokémons – es ist groß, rosa und sehr hart im nehmen

Bewerte diesen Artikel